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Hunderte und Hunderte täglich umwickelt, bis ihm die kleinen Kinderhände
brannten und die Tränen der Zurücksetzung aus den Augen schossen. Zu sehr
hatte er Hunger und Entbehrung gekannt an den kalten Nebelmorgen der
Londoner StraĂźen. Keiner hatte ihm damals geholfen, die Karossen waren
vorĂĽbergefahren an dem frierenden Knaben, die Reiter vorbeigetrabt, die Tore
hatten sich nicht aufgetan. Nur von den kleinen Leuten hatte er Gutes
erfahren: nur ihnen wollte er darum die Gabe erwidern. Seine Dichtung ist
eminent demokratisch – nicht sozialistisch, dazu fehlt ihm der Sinn für das
Radikale –, Liebe und Mitleid allein geben ihr pathetisches Feuer. In der
bürgerlichen Welt – in der mittleren Sphäre zwischen Armenhaus und Rente –
ist er am liebsten geblieben; nur bei diesen schlichten Menschen hat er sich
wohlgefĂĽhlt. Er malt ihre Stuben mit Behaglichkeit und Breite aus, als wollte
er selbst darin wohnen, webt ihnen bunte und immer mit sonnigem Feuer
überflogene Schicksale, träumt ihre bescheidenen Träume; er ist ihr Anwalt,
ihr Prediger, ihr Liebling, die helle, ewig warme Sonne ihrer schlichten,
grautönigen Welt.
Aber wie reich ist sie durch ihn geworden, diese bescheidene Wirklichkeit
der kleinen Existenzen! Das ganze bĂĽrgerliche Beisammensein mit seinem
Hausrat, dem Kunterbunt der Berufe, dem unĂĽbersehbaren Gemisch der
Gefühle ist noch einmal Kosmos geworden, ein All mit Sternen und Göttern
in seinen BĂĽchern. Aus dem flachen, stagnierenden, kaum wellenden Spiegel
der kleinen Existenzen hat hier ein scharfer Blick Schätze erspäht und sie mit
dem feinmaschigsten Netz ans Licht gehoben. Aus dem GewĂĽhl hat er
Menschen gefangen, o wie viele Menschen, Hunderte von Gestalten, genug,
eine kleine Stadt zu bevölkern. Unvergeßliche sind unter ihnen, Gestalten, die
ewig sind in der Literatur und schon mit ihrer Existenz hinausreichen in den
wirklichen Sprachbegriff des Volkes, Pickwick und Sam Weller, Pecksniff
und Betsey Trotwood, sie alle, deren Namen in uns lächelnde Erinnerung
zauberisch entfachen. Wie reich sind diese Romane! Die Episoden des David
Copperfield genĂĽgten fĂĽr sich allein, das dichterische Lebenswerk eines
anderen mit Tatsächlichkeiten zu versorgen; Dickens’ Bücher sind eben
wirkliche Romane im Sinn der Fülle und unablässigen Bewegtheit, nicht wie
unsere deutschen fast alle nur ins Breite gezerrte psychologische Novellen. Es
gibt keine toten Punkte in ihnen, keine leeren sandigen Strecken, sie haben
Ebbe und Flut von Geschehnissen, und wirklich, wie ein Meer sind sie
unergrĂĽndlich und unĂĽbersehbar. Kaum kann man das heitere und wilde
Durcheinander der wimmelnden Menschen überschauen; sie drängen herauf
an die BĂĽhne des Herzens, stoĂźen einer wieder den andern hinab, wirbeln
vorbei. Wie Wogenkämme tauchen sie auf aus der Flut der Riesenstädte,
stĂĽrzen wieder in den Gischt der Ereignisse, aber sie tauchen neu auf, steigen
und fallen, umschlingen einander oder stoĂźen sich ab: und doch, diese
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Drei Meister
Balzac - Dickens - Dostojewski
- Title
- Drei Meister
- Subtitle
- Balzac - Dickens - Dostojewski
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1920
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 134
- Keywords
- Literatur, Schriftsteller
- Categories
- Weiteres Belletristik
Table of contents
- Romain Rolland als Dank fĂĽr seine unerschĂĽtterliche Freundschaft in lichten und dunklen Jahren 5
- Balzac 7
- Dickens 29
- Dostojewski 50
- Einklang 51
- Das Antlitz 54
- Die Tragödie seines Lebens 56
- Sinn seines Schicksals 66
- Die Menschen Dostojewskis 77
- Realismus und Phantastik 90
- Architektur und Leidenschaft 103
- Der Ăśberschreiter der Grenzen 113
- Die Gottesqual 121
- Vita Triumphatrix 131