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194 8 Konflikte
fremdeVölkerunterdrückten“.47Auch1918hätten sich jüdischeRevolutionäre
bzw.„volks-undlandesfremdeElemente“ invielenLänderndieMachtangeeig-
net,DeutschsHandelnwäre indiesemSinnals „Schufterei“ zuverstehen.48
DerweitereProzesssollte imWahlkampfjahr1923, indemDeutschdieFüh-
rungdesneugegründetenRepublikanischenSchutzbundesübernahm, starke
mediale Aufmerksamkeit erlangen, verlief aber anders als von Deutsch er-
wünscht.ObwohlderPolitikerhohenAufwand indieVorbereitungseinerAus-
sagelegteunddiebetreffendeRedenachträglichsogaralsBroschüreveröffent-
lichen ließ,49 folgte das Provinzgericht in Grein in der zweiten Verhandlung
derantisemitischenArgumentationderVerteidigung.ZwarwurdeReinl fürdie
Verwendungdes verspottendenBegriffs „Schuft“ verurteilt, nicht aber für das
zunächstgefalleneWort„Schuftereien“. ImUrteilhießes,daDeutsch„wenigs-
tens teilweise jüdischerAbstammung“ sei, stelle
„sich die Bezeichnung seiner Handlungen als ‚Schuftereien‘ in dem angeführten Sinne
lediglichalsdieBehauptungdar,daßderselbe für seineNationzumSchadeneinerande-
ren tätig sei. Da aber eine solche Handlungsweise nach den geltenden Anschauungen
nicht alsunehrenhaft gilt,war indieserBeschuldigungkeineEhrenbeleidigung imSinne
desStrafgesetzes zu erblicken.“50
BeideParteienberiefen,dochdie imNovember 1923 folgendeVerhandlungam
Linzer Landesgericht sollte nochungünstiger fürDeutschverlaufen.Während
seineAnwälte u.a. versuchten, die bizarre „Schufiden“-Argumentation zuwi-
derlegenundgegendieVerrohungderpolitischenSpracheaufzutreten,51 kon-
zentrierte sich der Verteidiger Gürtler auf die angebliche „Minierarbeit“
Deutschs bei seiner Tätigkeit im kaiserlichen Kriegsministerium 1917/18. Tat-
sächlichwurde der Angeklagte Reinl nun auch für die Schmähung Deutschs
als „Schuft“ freigesprochen, durch verschiedene Passagen in Deutschs Buch
„Aus Österreichs Revolution“ sei von der Verteidigung der Wahrheitsbeweis
erbrachtworden.52
In seiner Rede vor demGreiner Gericht hatteDeutsch vor allem zumVor-
wurfdesangeblichgebrochenenOffiziers-TreueeidsandenKaiserStellungge-
nommenunddiesenzurückgewiesen.53Bezeichnenderweisegingerabernicht
47 (Linzer)Tages-Post (19. 5. 1923)8.DieGerichtsprotokolledesProzessesdürftennichterhal-
ten sein. SchriftlicheAuskunft desOberösterreichischenLandesarchivs, 8. 3. 2016.
48 (Linzer) Tages-Post (19. 5. 1923) 8.
49 JuliusDeutsch, TreueidundRevolution. EineRedevorGericht (Wien 1923).
50 Arbeiter-Zeitung (28.6. 1923) 2.
51 NeueFreiePresse (7. 11. 1923) 9, (Linzer) Tagblatt (7. 11. 1923) 6.
52 NeueFreiePresse (7. 11. 1923) 9.
53 ZueinerDarstellung seinerArgumente sieheausführlichSpitaler, LostHonor.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918