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204 8 Konflikte
„Das ist einmal richtige GrazerMundart. Freilich läßt dieseAussage desHerrnHartl die
Frageunbeantwortet, obHerrKurtz seinenTitel zurückgelegthabe, ‚weil er Jude ist‘ oder
deshalb, weil der Sp. C. Herkules den Spruch der Jury ‚nicht anerkannt hat.‘ Aber viel-
leicht ist dieser Zweifel damit zu erklären, daß Herr Hartl auch bei Gericht eine mehr
deutschnationale als deutscheSprachegeführt zuhaben scheint.“90
ImNeuenWiener Journal dagegen fehlt jeglicher Hinweis auf die antisemiti-
scheKomponentederAuseinandersetzung,genausowie imNeuenGrazerTag-
blatt.91 EinenanderenAspekt bringt das Illustrierte Sportblatt ins Spiel:
„Ein recht unerquicklicher Sportprozeß, der hier inWien vor demordentlichenGerichte
ausgetragenwurde,endetemitderVerurteilungderbeidenangeklagtenGrazerKlubfunk-
tionäreundeinProtest derGrazer Ringer gabGelegenheit zu einigen recht unpassenden
BemerkungenderGrazer.DiebeidenVorfälle sindaufdas lebhafteste zubedauern,denn
sie zeigen noch immer, daß die Grazer in ihrer Auffassung vom Sport noch nicht sehr
weit vorgeschritten sind. Die kleinliche Art, sich immer übervorteilt zu sehen und dem
Gegner,besonderswenner Jude ist, stetsdasSchlechteste zuzutrauen,kannbeimbesten
Willennicht als vornehmbezeichnetwerden.“92
DieserHinweisaufeineprovinzielle, angeblichspezifischGrazerFormdesAn-
tisemitismus findet sich im IllustriertenSportblattauch inanderenZusammen-
hängen,etwabeidenVersuchen imsteirischenFußballverbandeinenArierpa-
ragrafen einzuführen. Am 23. Juli 1923 verteidigte Kurtz unter beträchtlichem
Medieninteresse schließlich erfolgreichdenTitel gegenRoß: Soberichtetedas
Sport-Tagblatt auf der Titelseite, das Interessante Blatt zeigte eine Fotografie
desKampfes.BeidennächstenMeisterschaftenimNovember1923gewannRoß
denTitel,Kurtznahmnicht teil,weil erwegenStreitigkeitendenVerbandver-
lassenhatteundzudenProfessionalsgewechseltwar.93EinigeZeitungsartikel
zeigenKurtz auch inanderenFällenalsdurchaus streitbarenMann, vor allem
in verbandsinternen Angelegenheiten. In denweiteren Artikeln bis 1938 gibt
es aber keine explizitenHinweise auf jüdischeDifferenz,Kurtzwirdweder als
Judebezeichnet,nochwerdenihmEigenschaftenzugeschrieben,die jüdischen
Stereotypenentsprechen.94 Fürdie IllustrierteKronen-Zeitung ist er „Wienspo-
90 Sport-Tagblatt (18. 1. 1922) 5.
91 NeuesWiener Journal (18. 1. 1922) 9;NeuesGrazer Tagblatt (20. 1. 1922) 6.
92 Illustriertes Sportblatt (28. 1. 1922) 3.
93 Z.B. Illustriertes Sportblatt (14. 2. 1923) 12; Sport-Tagblatt (5. 11. 1923) 11.
94 DieseAussage basiert auf derAnalyse einer Stichprobe von 50der insgesamt 393Artikel,
diemittelsVolltextsuche inANNO−AustriaNNewspapersOnlineunddemSuchbegriff „Willy
Kurtz“ zwischen31.Mai 1922und 11.März 1938gefundenwurden.Damit kann zwarnicht die
komplette, aber dochdieweitgehendeAbwesenheit gezeigtwerden.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918