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Publikumsausschreitungen 213
dedie Zuschreibung freilich oft auf konkrete PersonenoderGruppen (Spieler,
Schiedsrichter oder bestimmte Publikumssegmente) konzentriert. In diesem
Kontext erweist sich speziell die Tribüne als wichtiger Ort, an demKonflikte
aufbrechenoderzumindestdort lokalisiertwurden.Eswarenabernicht iners-
ter Linie der Stehplatz, dieBesucherInnenmit billigenKartenoder gar die Ju-
gendlichen, die für diemeistenEskalationenverantwortlich gemachtwurden,
sonderndieBesucherInnenaufdenbesserenPlätzen.Soschreibtdas Illustrier-
te Sportblatt schon imJahr 1923: „DieserTerror ist abscheulichundwennman
genau zusieht, wird man finden, daß er immer von dem Tribünenpublikum
seinenAnfangnimmt.Hier, auf den gedecktenPlätzen, sitzendie Klubfanati-
ker, die anallemUnheil schuld sind.“133
Zu fragen ist imSinne von jüdischerDifferenz freilich,wer da auf der Tri-
büne fürKonflikteverantwortlichgemachtwurde:Eswaren„die Juden“.Dazu
schreibt das Illustrierte Sportblatt: „Eine scharfe Bewachung der Tribüne und
rücksichtsloser Hinauswurf der Provokateure, auch wenn sie in Stadtpelzen
erschienen sind,wäre in denmeisten Fällen ein ausreichendesMittel, um ei-
nendrohendenSkandal imKeimezuersticken.“134Ganzähnlichklingteseine
Woche später: „Eswird also fallweise zu erwägen sein, ob nicht die Ausgabe
von Tribünenkarten zu sistieren wäre. In besonderen Fällen könnteman die
VerabfolgungvonKartenanBesuchermitAutoundStadtpelzverweigern.Aus
unseren langjährigenErfahrungenherauswissenwir,daßdieseinehöchstan-
gebrachteundwirkungsvolleMaßregelwäre.“135 InderZwischenkriegszeitwa-
ren die Attribute „Auto“ und „Stadtpelz“ unschwer als antisemitische Chiffre
erkennbar.DerHakoah-RingerMick(e)yHirschlberichtetvoneinemZwischen-
fall, bei dem ihn seinStadtpelz als Jude „erkennbar“ gemachthabe:
„Ich habe so einen Stadtpelz angehabt und trug einen steifen Hut. Ich war so elegant
angezogen,weil ichdochvorher inder Synagogewar.Obwohl ichgarnicht jüdischaus-
sah, war ich offenbar durch die Kleidung als Jude erkennbar. Als wir nun so gingen,
kamen drei Nazis, haben gestänkert und zumeiner seligen Frau gesagt: ‚Was gehst du
mit dem Juden?‘“136
Nicht bei jedemKonflikt imSportstadion, aber dochüberraschend oft, wurde
„die Tribüne“alsAuslöser gesehen,und zwar einebestimmteKlientel auf der
133 Illustriertes Sportblatt (17. 2. 1923) 9.
134 Illustriertes Sportblatt (17. 2. 1923) 9.
135 Illustriertes Sportblatt (24. 2. 1923) 5.
136 Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, Nikolaus „Mickey“ Hirschl:
Prügeleienmit denNazis, online unter https://www.doew.at/erinnern/biographien/erzaehlte-
geschichte/antisemitismus-vor-1938/nikolaus-mickey-hirschl-pruegeleien-mit-den-nazis# n i k ol
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u s% 20hirschl (4. Juli 2018).
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918