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Konflikte aus zionistischer Perspektive 215
tenSitzplätzenstürmteder ‚Intelligenz-Mob‘aufdasSpielfeldunddrangaufSchiedsrich-
ter Schmidt ein.“139
Gar nicht selten hing es aber wohl vom Vorverständnis und von der Lesart
einesTextes ab, ober antisemitischverstandenwurdeodernicht. AlsBeispiel
dafür sei ein Beitrag zur „völkerversöhnendenMission“ des Sports zitiert, der
aufeineGemeinschaftunterEinschlussvonJudenundJüdinnenabzielte, aber
allein aufgrund der besonderen Erwähnung von Juden auch gegensätzlich,
alsoalspure Ironie,gelesenwerdenkonnte:Sowurdeder6:0-Länderspielsieg
gegenUngarnam10.April 1927vonMaxLeuthe imRahmenseiner satirischen
Glossen als Akt einer performativen Österreich-Identität, mit dem Jüdischen
alsTeildavon,beschrieben:„UnsEinheimischenhatdergroßeSiegvölliggeei-
nigt, obmir jetzten von die Hochrotenwaren oder von der Einheitslisten; es
haben die Juden und Hakenkreuzler sich gegenseitig Zigaretten angeboten,
und der Tandler140 und der Heinl141 haben miteinander aus einem Kracherl
getschechertundSchockeisundEskimomiteinandergeteilt. InsolchenerSitu-
ationwerdenebenMenschen,diewas sonst alsHiähnenherumschleichen, zu
Lamperln, undhinter allenBrüsten schlägt dasHerznur österreichisch.“142
Konflikte aus zionistischerPerspektive
Matthias Marschik
VondezidiertantisemitischenAngriffenbiszuversteckten, teilweisenurausden
zeitgenössischenKontextennachvollziehbarenAnspielungen,dieverklausuliert
auf jüdischeDifferenzverweisen, reichendiemedialenDarstellungen jüdischen
SportsundjüdischerSportfunktionärInnen.Nichtnur inderdeutschnationalen,
sondern ebenso in der bürgerlichen und der sozialdemokratischen Presse lag
diesenZuschreibungenoft ein antisemitischer Tenor zugrunde, der ausunter-
schiedlichsten jüdischenPersoneneinedurchAbstammunghomogeneGruppe
machte.DieexternenDifferenzierungenbeschränktensich invielenFällenauf
die Unterscheidung, ob und wie das Jüdischsein etwa eines Funktionärs Er-
wähnung fandodernicht.
Ungleich diffiziler gestaltete sich die Sicht aus einerwie immer gearteten
„jüdischen“Perspektive. ImVersuch,dieKomplexitätdieserAusverhandlungs-
139 Reichspost (17.6. 1920) 7.
140 Der sozialdemokratische (und jüdische)WienerGesundheitsstadtrat Julius Tandler.
141 Der christlichsozialeNationalratsabgeordneteEduardHeinl.
142 Sport-Tagblatt (13.4. 1927) 2.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918