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Konflikte aus zionistischer Perspektive 219
aber auch enormen Stolz an den Tag, wenn andere „jüdische“ Funktionäre
bedeutende Leistungen vollbrachten, etwa Hugo Meisl oder der langjährige
Präsident des ÖFB Ignaz Abeles. So hieß es im Herbst 1925, „daß der große
Aufschwung des Fußballsports in Österreich zumgroßen Teil der unermüdli-
chen Arbeit Meisls zu danken ist“. Abeles wurde als „langjährige[r] und ver-
dienstvolle[r] Faktor im österreichischen Fußballsport“ bezeichnet.157 Bei der
Abspaltung des Allgemeinen Fußballbunds vomÖFB imSommer 1926wurde
ausführlich auf zahlreiche jüdische Funktionäre im Wiener Landesverband
verwiesen: VonAbeles bisMeisl und von Gerö bis Sigmund Ringer, Hans Fi-
scherundEmanuel Schwarz säßen sie anwichtigenPositionen.158
GeradeHugoMeislwurde,obwohlersichalsdezidierterGegnerdesZionis-
muspräsentierte, gelobt undgegenantisemitischeAngriffe verteidigt. Entrüs-
tet kommentiertwurde inder zionistischenPressedaherdasangebliche „Kes-
seltreiben“gegenMeisl nachder Fußball-WM1934:
„Daßman sich zumSchimpfen den Feldherrn, der die Schlacht verloren hat, aussucht,
ist nicht ungewöhnlich. Aber diesmal tobt sich der Antisemitismus aus.Wir wollen für
denVerbandskapitänHugoMeislkeineLanzebrechen.Essollauchnichtuntersuchtwer-
den,wasMeisl fürdas Judentumbedeutet,wasMeislmit demJudentumgemeinhatund
was das Judentum von und durch Meisl schon profitiert hat. Aber von dem schnöden
Undank undder Rohheit an ihmmußman sprechen.Wer amSonntagmit der Straßen-
bahn in dasWiener Stadion fuhr, hatte allzu viel Gelegenheit, die ‚Vertreter derMassen‘
zuhören. ‚Nurder JudHugoMeisl ist anallemschuld […]‘.Meisl unddas Judentumsind
plötzlich eines geworden.“159
Auch drei Jahre später, beim nach jüdischem Ritus begangenen Begräbnis
Meisls,wurdesein Judentumbetont: „DasLeichenbegängnisgestaltete sichzu
einergrandiosenKundgebungfürdenjüdischenSportführerundSportenthusi-
asten […] [D]enNachruf hielt Oberrabbiner Taglicht, der denVerstorbenenals
österreichischen Juden imschönstenSinndesWortes charakterisierte“.160
WennandereFunktionäredasEtikett „jüdisch“erhielten,wurdensiehäu-
figmit teilsbedauerndem, teils sarkastischemUntertonbeschrieben,oftwurde
ihr „Judentum“unterAnführungszeichengesetzt: Sohätten imLeichtathletik-
verband, wo die „Israeliten der ‚gemischten‘ Vereine […] um ihre Mandate“
zitterten, manche Funktionäre wohl nur vorübergehend ihr „Judentum“ ent-
deckt, wenn sie gerade die Unterstützung der Hakoah benötigten.161 Nicht
157WienerMorgenzeitung (14. 11. 1925) 8; (24. 11. 1925) 8.
158WienerMorgenzeitung (7.8. 1926, 8); (12.8. 1926) 8.
159 DieNeueWelt (22.6. 1934) 8.
160 DieNeueWelt (23. 2. 1937) 4.
161WienerMorgenzeitung (1. 2. 1922, 7); (5. 2. 1922) 13.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918