Page - 231 - in Sportfunktionäre und jüdische Differenz - Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
Image of the Page - 231 -
Text of the Page - 231 -
Olympia 1936 231
OffensichtlichwurdederAntisemitismus imSportdurchdieGeschehnisse
beim Olympischen Fackellauf inWien, bei der Olympiafeier amHeldenplatz
selbst, wo nicht der zionistische Sport insgesamt, wohl aber die Hakoah prä-
sent war. So verkündete der Sportverein, an den „große[n] Festlichkeiten […]
mit einer großenMannschaft“ teilzunehmen.DieHakoahwolle „damit ihrBe-
kenntnis zumolympischenGedanken ablegen und gleichzeitig für Österreich
demonstrieren. Der Aufmarsch der Hakoah bedeutet aber unter keinen Um-
ständen […] eine Zustimmung zurOlympiade inDeutschland. Auf österreichi-
schemBodendemonstriert dieHakoahbegeistert fürOlympia.“220
WährenddieoffiziellePressedieVorfällenur andeutungsweisewiedergab
und von „gewissenlosen, unverantwortlichen Elementen“ sprach, wurde die
NeueWelt trotz der Zensur deutlicher: „‚Hinausmit den Juden!‘ und ‚Oester-
reich erwache!‘ – waren noch die harmlosesten Rufe, die auf der von einer
sportbegeisterten, spalierbildenden Menge gefüllten Ringstraße gehört wur-
den“.221 Der Festzughätte über die olympische Ideehinaus „[a]lle Sportarten,
alle Vereine“ zusammenzubringen beabsichtigt. Deshalb hatte sich auch die
Hakoahbereiterklärt, in „dreiGruppen,derengrößtederSchwimmklubHako-
ah stellte, bei dieser Parade der österreichischen Jugend vertreten“ zu sein.
Dochnoch „nie in der Geschichte des österreichischen Sports ist eine sportli-
cheVeranstaltungderart zu einer politischenDemonstrationmißbrauchtwor-
denwiedieser Festzug“, schriebdieStimme:
„VomSchwarzenbergplatzzumBurgtheaterundweiter zumHeldenplatzmarschiertendie
Hakoahner durch ein Spalier von Verbalinjurien, von denen dasWort Saujud noch die
kleinsteBeschimpfungwar.Wassich insbesonderedie jüdischenMädchen,die indersel-
ben eisernenDisziplin über den Ring gingenwie ihremännlichen Kameraden, anhören
mußten, ist zuniederträchtigundgemein, alsdaßesgedrucktwerdenkönnte. Insbeson-
dere taten sich einige Weiber hervor, die vor dem Burgtheater Aufstellung genommen
hattenund sich soweit vergaßen, auf die vorbeiziehendenHakoahner zu spucken.“222
So sei der
„schöne Gedanke, das olympische Feuer durch junge Menschen über Berge, Täler und
Grenzen tragen zu lassen als Symbol der Zusammengehörigkeit allerMenschen […] von
denWiener Nationalsozialisten zu einer häßlichen Kundgebung gegen Österreich miß-
braucht worden. Sie haben zu erkennen gegeben, wie sie das Juli-Abkommen zwischen
Deutschland und Österreich verstehen […] Von ‚Juda verrecke!‘ bis zu eingeschlagenen
Fensterscheiben und frechen Beleidigungen der im Festzug marschierenden jüdischen
Sportlerinnenwar alles geboten,was so zurnationalsozialistischenTaktik gehört.“
220 DieStimme (21. 7. 1936) 1.
221 DieNeueWelt (31. 7. 1936) 1.
222 DieStimme (31. 7. 1936) 1.
back to the
book Sportfunktionäre und jüdische Differenz - Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938"
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918