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Bernhard Hachleitner, Matthias Marschik und Georg Spitaler
9 (Sport-)Netzwerke
WoMenschen sich zu gemeinsamer Arbeit zusammenfinden und in Gruppen
kooperieren,wieetwaimVorstandeinesSportvereinesoder -verbandes, lassen
sich zwangsläufig unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit, aber auch
der Verbindungen zwischen den AkteurInnen festmachen. Robert Putnams
KonzeptdesSozialkapitals1 ineiner„Bürgergesellschaft“ lässt sichparadigma-
tisch imKontextdesVereinslebensüberprüfen.2KonstituentenderAusbildung
einessolchenKapitalssindzumeinendieFreiwilligkeitdesEngagements,zum
anderendiepersonelleBegrenztheitdieses sozialenNetzwerkes.NachPutnam
bringteinsolchesbeschränktesNetzwerkdennochhäufig„Externalitäten“her-
vor,die sichpositiv fürdieGesamtgesellschaft auswirken,wobei „Integration“
sowie die Förderung „demokratischer Kompetenz“ als wichtigste Folgen be-
nannt werden.3 Wesentliche Bedingung einer solchen positiven Wirkung ist
der Auf- und Ausbauwechselseitigen Vertrauens, „das erst über die Zeit aus
einer ‚Geschichte‘ der gemeinsamen Interaktion erwächst“.4
Eine solche kollektive Entwicklung sozialen Kapitals liegt zweifellos dem
Engagement vieler SportfunktionärInnen zugrunde. Sie basiert einerseits auf
konkretenpersönlichenNetzwerken,die erst zumEngagement einerPerson in
einemVereinbeitragenkönnen,wie sie andererseitsVernetzungenaufderBa-
sis gemeinsamer Interessen und eines übergeordneten Zieles hervorruft. Die
AnalysederBiografienvonSportfunktionärInnen inHinsicht aufdieExistenz,
Ausbildung oder Veränderung von Netzwerkstrukturen erweist sich als eine
Möglichkeit, Erkenntnisse über gesellschaftliche Strukturen imWien der Zwi-
schenkriegszeit zu gewinnen – gerade in Bezug auf die Fragen von jüdischer
Differenz, insbesondere indenKontextenvonKlasseundGeschlecht.DieVer-
bindungen undKooperationen innerhalb vonVereinen undVerbänden erlau-
ben einen genaueren Blick auf konkrete Konstruktionen undAusverhandlun-
genvon„Jüdisch“und„Nichtjüdisch“.
Es gehthiernichtumeineumfassendequantifizierendeNetzwerkanalyse;
jedochtauchenanverschiedenenPunktendesQuellenmaterialsdeutlicheHin-
1 RobertD.Putnam, BowlingAlone. TheCollapse andRevival ofAmericanCommunity (New
York2000);RobertD.Putnam (Hg.),GesellschaftundGemeinsinn.Sozialkapital im internatio-
nalenVergleich (Gütersloh 2001).
2 AnnetteZimmer, Vereine–Zivilgesellschaft konkret (Wiesbaden 2007) 149ff.
3 Sandra Seubert, Kollektives Handeln oder Kritik der Macht? Eine demokratietheoretische
AnalysedesKonzepts des Sozialkapitals. In:ÖZP38/1 (2009) 97–118, hier 98.
4 Sandra Seubert, Das Konzept des Sozialkapitals. Eine demokratietheoretische Analyse
(Frankfurt/M. 2009) 267.
Open Access. © 2019 Bernhard Hachleitner, Matthias Marschik und Georg Spitaler, publiziert von
De Gruyter. Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0
International Lizenz (CC BY 4.0).
https://doi.org/10.1515/9783110553314-009
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918