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ermüdlichanderRettungzahlreicherSportkameraden“gearbeitethabe.118Der
geflüchtete Schwimmfunktionär Valentin Rosenfeld konnte in London „hun-
dertenHakoahnernPermitsnachEnglandunddieDominiums“verschaffen.119
Ausgewanderte Funktionäre beschafften „Anforderungen“ für Argentinien,
Brasilien,UruguayundParaguay.Hockey-FunktionärHugoNeumannbesorgte
Einreisepapiere für die Niederlande und Belgien und Jacques Lampel, der
GründerdesHakoah-Orchesters, half bei der Fluchtnach Jugoslawien.120
AberauchpolitischeNetzwerke spielteneinewichtigeRollebeiderFlucht
ausÖsterreichunddemLebenimExil,wiedasBeispielMaximilianReichzeigt:
Der Journalist hatte bis zum Februar 1934 vor allem für sozialdemokratische
Mediengearbeitet, so etwabei dem imVorwärts-Verlag erscheinendenKleinen
Blatt. ImAustrofaschismus hatte er nach einer kurzenUnterbrechungwieder
beimnunmehrgleichgeschaltetenVorwärts-VerlagAnstellunggefunden.121Als
Sportjournalistwar er in einemvergleichsweise „ungefährlichen“Ressort und
betätigte sich anscheinend nicht politisch.122 Nach dem „Anschluss“ wurde
Reich jedochumgehendals JudevomDienstsuspendiert,wie JosefGeröwurde
er mit dem „Prominententransport“ nach Dachau deportiert. Diese Vorgänge
beschrieb er in einem berührendenManuskript, das er nach der Entlassung
ausDachauundBuchenwald 1938/39 im englischen Exil verfasste.123 In Eng-
landnahmReich zunächst Kontaktmit seinemFreundund Journalistenkolle-
genWillyMeisl auf, der ihmversprach, für seinBuch „einenVerleger in Eng-
land oder Amerika [zu] managen“124, und eine englische Übersetzung des
118 Ignaz Hermann Körner, Lexikon jüdischer Sportler inWien. 1900–1938. Hg. u. ed. von
MarcusG.Patka imAuftragdes JüdischenMuseumsWien (Wien 2008) 96.
119 PierreGildesgameMaccabiSportsMuseum,MaccabiAustriaFile4-01-050:Sitzungsproto-
koll der am 19.9. 1942 anberaumtenZusammenkunft der in Tel-Aviv undnächsterUmgebung
lebendenHakoahner, 1.
120 Zit. n.DavidForster, GeorgSpitaler, Die Fußballmeister. LebenswegederHakoah-Spieler
der Zwischenkriegszeit. In: Betz, Löscher, Schölnberger (Hg.), „…mehr als ein Sportverein“,
114–130, hier 117f.
121 Maximilian undEmilieReich, Zweier ZeugenMund. VerscholleneManuskripte aus 1938.
Wien–Dachau–Buchenwald.Hg. vonHenrietteMandl (Wien 2007) 305.
122 Emilie Reich, Als mein Mann in Dachau war. In: Reich, Zweier ZeugenMund, 257–275,
hier 258.
123 Reich, Zweier ZeugenMund. Als Journalistwar Reich in Sportkreisen zweifellos eine be-
kannte Person, dennoch ist der Grund seiner Deportierungmit dem „Prominententransport“
nicht restlosgeklärt:Vermutetwirdu.a. einZusammenhangmit seinerBerichterstattungüber
die Olympischen Spiele 1936 in Deutschland. Vgl. Wolfgang Neugebauer, Maximilian Reich
undder ersteÖsterreichertransport in dasKZDachau. In:Reich, Zweier ZeugenMund, 13–34,
hier 21.
124 VGA,Adler-Archiv, BriefMaxReichanFriedrichAdler 16. 12. 1938.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918