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302 10 Nach dem „Anschluss“
gen.NachdreimonatigerTätigkeitbeidemFussballklub ‚Austria‘wurdeerausunbekann-
te[n]GründenvondennationalsozialistischenMachthabernseinesPostensenthoben.“183
DerGerichtsakt184derVerfahrenwirft eindeutlichesLichtaufdieSituationbei
der Austria nach dem „Anschluss“. Als „Judenklub“185 stand der Verein vor
größerenSchwierigkeitenalsandereSportklubs. InderpopulärenSporterinne-
rungwurdedieGeschichtederAustria imNationalsozialismusdaheralsOpfer-
erzählungüberliefert.DieserOpferstatus ist „angesichtsderKonfiszierungvon
Vereinsgütern, der zwangsweisen Umstrukturierung des Klubs, des Exils von
Spielern sowie der Vertreibung, Inhaftierung und Ermordung von Funktionä-
ren“ durchaus berechtigt.186 Weitgehend ausgeblendet blieben jedoch Akte
von „willfähriger Anpassung“ beim Umbau des Vereins sowie Mitläufer und
Täter, die es in den Reihen des Klubs gab.187 Überlagert wurde eine differen-
zierteBetrachtung langeZeit durchdiemythisierte Erinnerunganprominente
Spieler wie Matthias Sindelar oder Karl Sesta, die als Ikonen fußballerischer
„Resistenz“ gegen das NS-Regime gefeiert wurden, ohne dass ihre komplexe
Verwicklungindie„Anschluss“-PropagandaimFrühjahr1938sowie ihreProfi-
teursrolle als „Ariseure“ jüdischenEigentums ausreichendbeleuchtetworden
wäre.188 IndemVolksgerichtsverfahrenkamen fast allebekanntenSpielerund
Funktionäre desVereins zuWort, die 1946bzw. 1954noch amLebenwaren–
allen voran Emanuel Schwarz, von demwir somit über einewichtige Selbst-
beschreibungüber seineRolle als Sportfunktionär verfügen.
DieAussagenderprominentenAustrianerzeichneneinSittenbildausdem
Frühjahr 1938, das auch für viele andere Sportvereine in Wien typisch sein
dürfte. Siebelegeneinerseits, dass sichderVorstandderAustria imMärz 1938
tatsächlich in einer höchst bedrohlichenSituationbefandund jüdische Funk-
tionäre sich der Erpressung, VerhaftungundVertreibung, auchdurch ehema-
ligeKlubkollegen, ausgesetzt sahen.Vorsichtige solidarischeHandlungen ste-
183WStLA,Volksgericht,A1-BgVr-Strafakten:Vg11/55,VerfahrenVG1gVr 2613/46,Anzeige
vom25.3. 1946.
184 DavidForster, Georg Spitaler, Fußball untermHakenkreuz 36. Teil:WienerAustria 1938.
DerProzess. In: ballesterer 102 (2015) 74f.
185 Forster, OpferÖsterreich, 106.
186 Forster, OpferÖsterreich, 112.
187 Forster, OpferÖsterreich, 112.
188 ZuSindelar vgl. u.a. DavidForster, Café Sindelar revisited. Verlauf undFolgender Sin-
delar-Debatte. In: David Forster, JakobRosenberg, Georg Spitaler (Hg.), Fußball untermHa-
kenkreuz inder „Ostmark“ (Göttingen2014) 314–330. ZuSesta:DavidForster,GeorgSpitaler,
Fußball unterm Hakenkreuz 23. Teil: der „Blade“. Ein echter Wiener geht nicht unter. In:
ballesterer 48 (2009) 32f.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918