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Case Study: „Der Jude soll zahlen.“ 307
„Am 15. oder 16.3. ließ der inzwischen eingesetzte komm. Verwalter Haldenwang, den
ManagerdesVereinsLangverhaften. IndiesemZeitpunkthatteHaldenwangeineKontrol-
le der Vereinsgebarung nicht vorgenommen, er hatte entweder gar keinen Grund hiezu,
odervermuteteoderzugetragenerhalten,dassetwasgestohlenwurdeoderangenommen,
weil bei uns Judenwaren, dass etwasgestohlen seinmüsse.“204
Haldenwang rechtfertigte sich in der Untersuchung, er habe im Interesse der
Spieler gehandelt, und gab die „Meinung in Fussballerkreisen“ wieder, wo-
nachmanbei den jüdischenAustria-Funktionären „grosseMittel“ vermutete:
„In denUmbruchstagen sagtemir der Fussballer Sesta, oder eswurdemir von anderen
Leuten bei der Austria erzählt, dass Sesta ca. 1 Jahr vorher über Forderung vor einem
Mitropacup Spiel gegen Uypest S. 5000,–, die er bar verlangt hatte, ansonsten er nicht
antrete, in der Form zugesichert erhielt, dassman ihmdenBetrag auf sein Einlagebuch
erlegenwerde. Sesta verdächtigte nunLang, dass der Betrag [...] jetzt fehle u. Lang sein
Buch in Verwahrung gehabt habe. Ich hatte die Besorgnis, dass vielleicht noch andere
Unregelmäßigkeitenvorgekommenseien, u. infolgedesWirbelsGeld verschwindenkön-
ne u. glaubte, dass grosseMittel vorhanden seien, was damals die allgemeineMeinung
in Fussballerkreisen imHinblick auf die jahrelange Betätigung imMitropacupwar. Ich
liessdaherdurchdasPolKoat I.Lang inSchutzhaftnehmenu.nach4–5Tagenvorführen
alszwecksBuchüberprüfungderseitherverstorbeneJohannPichler,KassierdesWAF,der
sachkundig in Steuersachenwar u. der Bruder des jetzigen Verbandskapitän Edi Bauer
anwesendwaren.“205
DerFußballerKarlSestawiesalsZeuge jedeVerantwortung fürdieVerhaftung
Langs von sich:
„NachdemUmbruchundnachdemWiederaufsperrendesVereinslokalserfuhr ich,durch
Einsicht inmeinBuch,dassdie 5000Swiederherausgenommenwurden.Es istmöglich,
dass ichbeieinerSpielerversammlungdaserzählthabeundderHaldenwangesaufdiese
Weise erfuhr, doch hatte ich keine Befürchtung, dass mir etwas veruntreut werde. […]
Dass er [Lang] damals aufVeranlassungdesHaldenwangverhaftetwurdeund fünf Tage
inHaftwar erfahre ichheute zumerstenMal.“206
LigasekretärRichardZiegler,dernachderAbsetzungHaldenwangs imSommer
1938 die Austria-Geschäftsführung übernehmen sollte, lieferte als Zeuge des
Volksgerichts eine andereVersion:
„IchwarzurZeitdesUmbruchs imFussballverband[…]Sekretär fürdieVereinederersten
Liga.Mir ist bekannt, dass vor derVerhaftungLangs, die schätzungsweise 10 Tagenach
204 ZeugenvernehmungUlbrich 1.7. 1946.
205 Vernehmung22.5. 1946.
206WStLA,Volksgericht,A1-BgVr-Strafakten:Vg 11/55,VerfahrenVG1gVr 2613/46, Zeugen-
vernehmung9.7. 1946.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918