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312 10 Nach dem „Anschluss“
schaffungstour fürdenVerein,beiderden jüdischenFunktionärenangebliche
Außenständeabgepresstwurden:
„Haldenwanghat in der Zeit seiner komiss. Verwaltung in den erstenWochen allein für
dieAustria schätzungsweise 8000Seingetrieben. Er benützte jedenfalls die Zeittage, um
alle gegendie Juden indenBüchern eingetragenenForderungen, ob sie nun zurecht be-
standen oder nicht unter Drohungen einzutreiben und erzählte selbst imVerband, dass
erbinnenkurzerZeitdenPokalundauchandereBeträge fürSpesenetc. vonDr.Schwarz
hereingebracht habe. […] Ich erinneremichweiters nochgut an einePost von 1000S im
Zusammenhangmit der Hakoah. Die Austria hatte wegen einesMitropa Cupspielesmit
derSpartaeinMeisterschaftsspielmitderHakoahaufeinenWochentagverlegenmüssen,
wodurch letztere einenVerdienstentganghatte. DieAustria vergütete hierfür 1000S, die
für den Verein Hakoah eingetragen waren. Haldenwang verlange nunmit Unrecht von
demObmannder aufgelöstenHakoah, demTapezierer Schwarz, […] der für dieVereins-
schulden haftete und Jude war, den Betrag zurück. Vielleicht war Haldenwang zuerst
unrichtig informiert, ich erklärte ihmdann die Sache auf, doch behielt er das Geld und
bemerktedann, der Jude soll zahlen.“223
In demVerfahren kamen noch andere Ereignisse zur Sprache, in denenHal-
denwangindenJahrenderNS-Herrschaft imWienerSportdurchseinenJuden-
hass auffiel. Die lokale NS-Sportführung entschied sich dennoch dafür, ihn
nach der Phase der kommissarischenVerwaltung nichtweitermit einemVor-
standsamtbei derAustria zubetrauen.Dazu seinNachfolger Ziegler:
„Haldenwangwurdewegen seinerwirtschaftlichenUnfähigkeit nach ca. 3Monaten von
derSportführungHauptmannJanisch–Dr.Rainerenthoben.Gestohlenundunterschlagen
hat er nichts, doch ca. eine Summe von RM 60.000 während seiner Amtsführung aus
Unfähigkeit verwirtschaftet und überdies seine Reisen ins Altreich für ReklameundAb-
satz in seinemSportwarengeschäft benützt.“224
Haldenwang selbst stellte dies sodar:
„Glaublich im Juni wurde ich vom Sportbeauftragten, nachmaligen Gauleiter, Rainer,
über den Fachwart Hptm. Janisch enthoben, damanmir zu hoheAuszahlungen an die
Spieler (Siegesprämien S 50.-) usw. vorwarf u. Sestamich beschuldigte, wie ich glaube,
dass ich in Frankfurt a.M. durchmeinVerschuldendurch einen Streitmit demManager
des dortigen Vereins von einer SA-Patrouille abgeführt wurde und ich Sportartikel im
Reichverkauft habe.“225
In derWiener Fußballszene einigteman sich nach 1945 darauf, Haldenwang
als „gefährlichen Narren“ zu beschreiben. So hieß es etwa in einer Aussage
223 ZeugenvernehmungZiegler 1.7. 1946.
224 ZeugenvernehmungZiegler 1.7. 1946.
225 Vernehmung22.5. 1946.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918