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Resümee 329
Imbürgerlichen Sportbetrieb lässt sich in den ersten Jahren der Republik
verstärkteinoffenerAntisemitismuskonstatieren,alsBaustein ineinemgesell-
schaftlichenKlimaderAusgrenzung,dievordergründigaufdie„Ostjuden“ab-
zielte, tatsächlichaber–mitgewissenAbstufungen–alle JüdinnenundJuden
betraf. Hier verliefen die Konfliktlinien bisweilen zwischen Sportarten oder
zwischenWien und der „Provinz“, vor allem der Steiermark. Die Einführung
desArierparagrafen imÖsterreichischenSkiverband imJahr 1923bildeteeinen
Höhepunkt dieser Entwicklung, stand zeitlich aber bereits am Ende der be-
sonders aufgeheizten Phase. Zu Ende waren antisemitische Auseinanderset-
zungen (oder als solche interpretierte) allerdings nicht: In manchen Fällen
warenWechselwirkungenmit besonders harten politischenWahlkämpfen zu
beobachten, etwa im Jahr 1927.
So lässt sichresümieren,dassauchimBereichdespopulärenSportgesche-
hens imWiender Zwischenkriegszeit jüdischeDifferenznicht zumVerschwin-
dengebrachtwurde, jedoch in ein sehr spezifischesGefüge eingebundenwar:
Jüdische Differenz war eng verbundenmit anderen Kriterien der Selbst- und
Fremdzuschreibung –wie Raum, Geschlecht oder Klasse bzw. der Zugehörig-
keit zueinembestimmtenVereinunddessenDe-bzw.Konnotationals jüdisch
bzw.nichtjüdisch.
Sportvereine wurden in der Zwischenkriegszeit wie erwähnt weit stärker
nach ihrer räumlichen Zugehörigkeit und Zuschreibung an bestimmteOrte in
Wien35 beurteilt als nachdem„Jüdischsein“ ihrer leitendenFunktionärInnen.
Dieses Kriterium trat gegenüber lokalen Zuschreibungen oft in den Hinter-
grund.Wenn etwa der Floridsdorfer AC trotz einer zwanzigjährigen Tradition
jüdischer Präsidenten stets als Vorstadtverein, aber nie als „Judenklub“ gese-
henwurde,36 bedeutete dies zwar nicht, dass jüdischeDifferenz verschwand,
aber es ermöglichte esdenAkteuren, ihreBiografie inhöheremMaßselbst zu
gestalten.WennLisaSilvermanschreibt: „[W]hileAustria’s First republicmay
have provided a platform for Jews to shapemainstream culture, it had little
room for the ‚Jewish‘when it came to formingnewconceptionsof the ‚Austri-
an‘“–kanndasfürdenSportvariiertwerden.EinerseitsbotderurbaneWiener
Sport für Juden (undmitEinschränkungenauch für Jüdinnen)diesenRaumin
großem Ausmaß. Anders als auf anderen Feldern fand zumindest temporär,
35 Lisa Silverman, Leopoldstadt, Judenplatz, and Beyond. In: East Central Europe 42 (2015)
249–267.
36 SemaColpan, MatthiasMarschik, Vorstadt, Sport und jüdische Identitäten. In: Aschkenas
27,H. 1 (2017) 23–38;SemaColpan,BernhardHachleitner,MatthiasMarschik, JewishDifference
in theContext of Class, ProfessionandUrbanTopography. Studies of JewishSportOfficials in
InterwarVienna. In:AustrianStudies 24 (2016) 140–155.
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Title
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Subtitle
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Authors
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 376
- Categories
- Geschichte Nach 1918