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Chimäre, unverantwortlich in Ansehung Polens, beleidigend für den Wiener Hof bezeichnete.
Auf die in unbestimmte Ausdrücke gekleidete vorläufige Zustimmung des Kaisers hin
einigten sich Rußland und Prenßeu zu dem Petersburger Vertrage vom 23. Januar 1793,
der die zweite Theilung Polens zum Inhalt hatte und den Österreich als eine schwere
diplomatische Niederlage empfand. Denn abgesehen davon, daß der Vertrag ohne Zuziehung
Österreichs geschlossen, durch längere Zeit vor demselben geheim gehalten uud dem Wiener
Hofe nur der nachträgliche Beitritt offen gelassen wurde, gewährte die zweite Theilung
Polens den beiden contrahirenden Staaten eine höchst bedeutende Erweiterung ihrer
Gebiete, wogegen Österreich nicht einmal die geforderte Garantie, sondern nur die
Zusicherung guter Dienste bei dem beabsichtigten Eintausche Baierus gegen jenes Belgien
empfing, das eben damals infolge der Schlacht bei Jemappes an die Franzosen verloren
gegangen war.
Die Staatskunst Philipp Cobenzls hatte also vollständig Schiffbruch gelitte»; er
wurde entlassen und Thugut übernahm zuerst als „Director", dauu uach dem Tode des
Fürsten Kaunitz als „Minister der auswärtigen Geschäfte" das Rnder des Staates.
Johann Amadeus Franz de Paula Thugut oder wie er, seit er zu Würden gekommen,
hieß: Freiherr von Thugut, war der Sohn eines kaiserlichen Kriegszahlmeisters zu Linz.
Niemand Geringerer als die Kaiserin Maria Theresia war es, die den talentvollen Knaben
aus dem Staube emporhob. Sie ließ ihn in der orientalischen Akademie erziehen, die für
eine ganze Reihe diplomatischer Emporkömmlinge die Vorschule gebildet hat. Mit 35 Jahren
war er bereits Internuntius in Constantinopel. Persönlich nicht makellos, auch keines-
wegs originell, aber voll Energie und Klarheit, war Thugut ohne Zweifel eine höchst
ungewöhnliche Erscheinung, damals vielleicht der einzige Mann, welcher den Schwierigkeiten
der Lage gewachsen war. Schon das war epochemachend in einem Staate wie Österreich,
daß ein Mann bürgerlicher Abkunft blos durch Talent und Verdienst auf einen Posten sich
emporschwang, der bisher nur Mitgliedern des hohen Adels zugänglich schien. Und so wie
er, gesellschaftlich vereinsamt, gerade von dieser Seite manche Anfechtungen zu erleiden
hatte, gegen die ihn fast nur die vertraute Freundschaft des Grafen Franz de Paula
Colloredo, des einstigen Erziehers, nunmehr Kabinetsministers des Kaisers, zur Stütze
diente, so gerieth er auch gleich anfangs in Gegensatz zu jener noch immer ansehnlichen
Reichspartei in Wien, an deren Spitze der Reichsvicekanzler Fürst Colloredo stand und
die »och an der nutreunbaren Verkettung des deutsche» Reiches und Österreichs festhielt.
Dem gegenüber nahm Thugut ausschließlich den österreichischen Standpunkt ein. Die
deutsche Kaiserpolitik trat für ihn gegenüber der österreichischen Staatspolitik in den
Hintergrund. Die Triebkräfte der Politik des Wiener Hofes lagen seiner Meinung nach
nicht mehr so sehr in dem Zusammenhange mit dem deutschen Reiche, als in dem Bewnßtsein
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Übersichtsband, 1. Abteilung: Geschichtlicher Teil, Volume 3
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Übersichtsband, 1. Abteilung: Geschichtlicher Teil
- Volume
- 3
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1887
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.64 x 22.39 cm
- Pages
- 278
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch