Page - 152 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
Image of the Page - 152 -
Text of the Page - 152 -
druck. Durchs Vorzimmer schreitend, sah ich in einem großenWand-
spiegel mein erregtes, doch auch ein wenig triumphierendes Gesicht,
und einen Augenblick durchströmte mich das Gefühl der Höhe des
Erreichten. Doch nur einen kurzen, knappen Augenblick lang!
Von Schönbrunn fuhr ich in dieMilitärkanzlei, um artigkeitshalber
Baron Bolfras, dem rangälteren Kameraden, meine Aufwartung zu
machen. Im Korridor traf ich Krobatin, meinen nunmehrigen Stell-
vertreter und ersten Sektionschef. Er war just an diesem Tage zum
Inhaber eines Artillerieregimentes ernannt worden, teils als Anerken-
nung seiner Leistungen, teils als Regreß dafür, daß er nicht an die
Spitze der Kriegsverwaltung gestellt worden war. Ich begrüßte ihn
herzlich. Inmeinerkameradschaftlichen Art, dieweichenStimmungen
leicht zugänglich war, ersuchte ich ihn um seine treue Mitarbeit.
Sachlich war er auch zweifelsohne ein tüchtiger und emsiger Mit-
arbeiter. Treu jedoch blieb er nur seinen Aspirationen. Und ich
glaube nicht fehlzugehen, wenn ich annehme, daß er schon in jenem
Moment, im Gemach des Chefs der Militärkanzlei, die Zusicherung
erhielt, er würde der nächste sein, er müsse nur warten. Das Glück,
Krobatins schmiegsame Anpassungsfähigkeit, die Zwiespältigkeit
meiner Lage und wohl auch mein wenig diplomatisches Draufgänger-
tum ließen ihn dieses Ziel auch bald erreichen.
Nachmittags empfing mich Franz Ferdinand, dem ich alle Einzel-
heiten der Audienz berichten mußte und der nun seinerseits betonte,
er hoffe, es werde mir gelingen, auch seine Anschauungen auf das
deutlichste zur Geltung zu bringen. Weiters zeigte er mir eine schrift-
liche Rechtsverwahrung gegen die anläßlich meiner Ernennung be-
wirkte Titeländerung von ,,Reichskriegsminister" auf ,,Kriegsmini-
ster". Dieses Schriftstück hatte zunächst den Zweck eines Protestes,
da der Erzherzog von der Auffassung ausging, daß unter ,,Reich"
nur die ,,Monarchie" verstanden werden dürfe. Danach wurde der
Begriff ,,Reich" jenem des ,,Staates" überordnet, was für Österreich
und für Ungarn zu gelten hatte. Ein Standpunkt, der von der unga-
rischen staatsrechtlichen Auffassung durchaus perhorresziert wurde,
weil die Ungarn stets nur von einem
,, gemeinsamen Minister" als
Exponenten zweier vollständig paritätischer Staaten, beziehungs-
weise Reiche, sprachen. Einen Uberbegriff erkannten sie absolut
nicht an. Selbst nicht in der Person des gemeinsamen Monarchen,
der nach ihrer Rechtsanschauung in Ungarn eben nur der eine Faktor
der Gesetzgebung war, während der andere durch das souveräne Par-
lament repräsentiert wurde. Wie sich dies in der Praxis gestaltet
hätte, wenn Fraaz Ferdinand das Reichserbe übernommen hätte,
ist die Frage. Jedenfalls wäre dies zu einem der wesentlichsten Rei-
152
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918