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Politik zu unterstützen. Am Beginn der Sitzung sprach er auch einige
Worte in diesemSinne, doch so allgemein und farblos, daß sie effekt-
los blieben. Auch sonst war die Stimmung frostig, namentlich sei-
tens der ungarischen Minister, allen voran des Ministerpräsidenten
Grafen Khuen-Hedervary, der mir grollte, weil er des Glaubens war,
ich stünde mit der Opposition, der Unabhängigkeitsparteii), in Ver-
bindung. Auch des Communiques wegen, das Conrads Rücktritt
begleitet und die Gemüter in Ungarn sehr erregt hatte, war er mir
gram. Da ich jedoch die Quelle, aus der jener Bericht geflossen, auch
jetzt nicht preisgeben durfte, vermochte ich die Vorwürfe des Grafen
nicht zurückzuweisen. Auch hütete ich mich, die Stimmung im Vor-
hinein zu verderben. Dafür tat ichmeinMöglichstes, denHerren Kol-
legen die Notwendigkeit der artilleristischen Ausgestaltung und die
endliche Einführung des Flugwesens in den militärischen Dienst nach-
zuweisen^). Beilage 3
An einem Beispiel legte ich dar, wie es uns völlig unmöglich wäre,
bei einer etwaigen Konflagration mit Italien auch nur einen Schritt
auf italienischem Boden vorzudringen ohne Niederwerfung mehrerer
italienischer Grenzforts, was jedoch mit unserm damaligen Artillerie-
park nie gelingen konnte. Bezüglich der Aeronautik wies ich nach,
daß sich sämtliche Großstaaten damit ernstlich beschäftigten und
sich des Besitzes mächtiger Flugparks erfreuten, während wir das
Ganze doch mehr oder weniger alseinenSport ansahen, dem die reelle
Basis für die militärische Auswertung noch fehlte. Die österreichi-
schen Minister erklärten sich nach einigen prinzipiellen Rechtsver-
wahrungen so halb und halb einverstanden. Wahrscheinlich aus Op-
portunitätsrücksichten, denn sie ahnten wohl schon das ablehnende
Votum ihrer ungarischen Kollegen, die auf dem popularitätsfördern-
^) In den Anfangswochen meiner ]Mipisterzeit, als ich noch im Hotel wohnte,
suchte mich dort Graf Theodor Batthyany auf. Ein Wortführer der Unab-
hängigkeitspartei, entwickelte er sein Programm bezüglich des Wehrgesetzes
vom Standpunkte seiner Partei aus. Die mihtärische Seite entrollte er dabei
weitaus richtiger als seine Kollegen von der Regierungspartei. Ich hörte ilm
mit großem Interesse an, desgleichen seine Charakterisierung der führenden
Persönlichkeiten, wobei er Tisza nichtmit Unrecht einen in der Wolle gefärbten
Junker nannte. Diese Erörterimgen zu vernehmen, war mein gutes Recht,
sogar meine PfUcht. Ein Minister, überdies ein gemeinsamer ^Minister, der sich
krampfhaft an die just am Ruder befindliche Majoritätspartei klammerte,
wäre nichts als ein Parteigänger gewesen, der von der Gnade und Ungnade
dieser Partei abhinge. Ein ausführendes, aber kein führendes und regierendes
Organ! Ich versprach nichts vmd sagte nichts zu. Dennoch wendete mir Bat-
thyany seine Sjrmpathie zu, und tatsächlich wTirde ich von den oppositionellen
Parteien Ungarns eigentHch nie, weder persönlich noch sachlich, angegriffen.
-) Beüage 3 bringt einen Auszug des— sehr flüchtig geführt geweseneu
Ministerrats-Protokolls .
12 Auffenberg 177
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918