Page - 197 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Schemua und ich taten unser Möglichstes, und schließlich erzielten
wir bei den österreichischen Ministem den Erfolg der zögernd ge-
währten Zustimmung für die Forderungen einer erhöhten Kriegs-
bereitschaft, wahrscheinHch wieder nur in der sicheren Erwartung
gegeben, daß die ungarischen Kollegen die notwendige Nackensteife
gegen die I^ogik aufbringen würden. Darin täuschte man sich auch
nicht, und allen voran war Finanzminister Teleszky jeghcher Ein-
sicht unzugänglich, immer mit dem überlegenen Lächeln, „es sei
doch nichts zu befürchten!" Das Schlußresultat war, daß ich mit
Mühe eine Pauschalsumme von 2 Millionen für die Lösung der Un-
teroffiziersfrage erreichte. Dann verHeßen die ungarischen Älinister
in offen zur Schau getragener — die österreichischen j\Iinister in
geheimer— Freude den Kampfplatz, woselbst sie wieder einmal den
Sieg über den ,,Moloch" davongetragen hatten. Diesem „Sieg" wurde
auch in den meisten Tagesblättern applaudiert. Wie armselig, nichtig,
kaum den nächsten Augenblick überdauernd, solch ein Triumph in
Wahrheit ist, darüber schrieb ich früher. Hier sei nur beigefügt, daß
ich nicht um einen Heller übertreibe, wenn ich behaupte, daß die
einmaligen Zinseszinsen der im Weltkriege vergebens verausgabten
Milliarden mir damals genügt hätten, die Armee technisch avif einen
derartigen Standpunkt zu bringen, daß sie jeglicher Eventualität
vollkommen gewachsen gewesen wäre. Zu einer solchen wäre es aber
dann vielleicht gar nichtgekommen ! Dies die Folgen unzeitgemäßer,
beschränkter Knickerei in wichtigsten Belangen!
Bei dieser Konferenz wies der Chef des Generalstabes in sehr tref-
fender Weise auf den Umstand hin, daß unsererArmee eine zweite
Linie vollkommen fehle. Als solche war ursprünglich— gleich wie
in den meisten anderen Armeen — die Landwehr gedacht. Doch
diese war im Laufe der letzten Dezennien gänzlich in die erste Linie
gestellt worden, wofür seitens der Ungarn vornehmlich national-
politische Motive gesprochen hatten. Für all die vielen Aufgaben,
die aber— in ganz unausweichlicher Weise— der zweiten Linie er-
wuchsen, wie namentHch der Besatzungs-und Etappendienst, mußte
man auf die dritte Linie, auf den Landsturm greifen. Dieser stand
aber der Hauptsache nach nur auf dem Papier. Wohl waren die
Menschen (OffiziereundMannschaften) vorhanden, doch keineKadres
und nur unzureichende Bekleidungs- und Ausrüstungssorten und nur
alte Waffenbestände (Werndlgewehre). Ich konnte den iVusführungen
desGeneralstabschefs nurwärmstensbeipflichten, doch— selbstwenn
IVIittel vorhanden gewesen wären—keine Abhilfe schaffen, da alle or-
ganisatorischen Verfügungen für den Landsturm ausschließHch in den
Kompetenzkreis der beiden Landesverteidigungsminister gehörten.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918