Page - 199 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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stets auf eine nahe Zukunft, in der sich alles klären und bestens ordnen
würde. Hinsichtlich der Boroevidaffäre war Franz Ferdinand ganz
anderer Meinung als der Kaiser. Dem Monarchen darüber schrift-
lichen Bericht erstattend, erhielt ich zu meinem Erstaunen die Wei-
sung, auf die Ansicht des Erzherzogs prompt einzugehen. Später
erfuhr ich, daß dem Kaiser auch dies als Fronde meinerseits vor-
getäuscht wurde.
Dann fuhr ich über Wien nach Rutzing zu meiner FamiHc, um
daselbst bis zum Beginn der TirolerManöver zu verbleiben. Während
dieses Aufenthaltes inspizierte ich die großen Pulverwerke und Mu-
nitionsanlagen in Stein, wobei mir die Bevölkerung einen festHchen
Empfang bereitete. Desgleichen wurde mir am Vorabend des i8. Au-
gust von den Rutzing umgebenden Gemeinden ein Fackelzug zuteil,
wobei Ansprachen mit patriotischem Refrain den feierhchen Schluß
bildeten. Glaub' gern, daß Gemüter, die für derlei Manifestationen
empfänglich sind, sich an der Macht berauschen. Ich fühlte stets
nur deren ephemerenWert heraus. Und just auch diese patriotische
Feier,— wie ephemer war sie! Sie fand 1912 im Herzogtum Krain
statt — und just sechs Jahre später: S. H. S. stürmisch begrüßt!
Von Rutzing reiste ich per Auto durchs Pustertal nach Toblach,
sodann nach Riva am Gardasee, woselbst ich den Thronfolger er-
wartete, unter dessen Augen die Manöver in Südtirol stattfinden
sollten. Es waren herrHche Spätsommertage, die die wundervolle
Gegend vergoldeten und besonders den sagenumwobenen Gardasee
in ein märchenhaftes Licht tauchten. Nicht umsonst verlegt man
Dantes „II paradiso" in jene Landschaft. Doch unmittelbar daneben
entstand auch das „Inferno" dieses schaffenden Genius. Wahrlich,
die grotesken Berg- und Felstrümmer, die die Abhänge des Monte
Zugno bis an die von Ala nach Riva ziehende Talsenke bedecken,
schreckhafte Gebilde, Zeugen katastrophaler Erdbeben und Fels-
stürze, bieten der Phantasie grauenhaft großartige Gemälde, die der
Dichterfürst des 14. Jahrhunderts für ewige Zeiten festgelegt hatte.
Paradies und Hölle, Leben und Tod, wie nahe hegt dies übrigens in
jedem Menschendasein beisammen, und wie trügerisch war auch hier
das Bild des Friedens, darauf das Auge bückte. Im Unterbewußt-
sein hatte man das Gefühl, daß die harmlosen Manöverschüsse, die
nun durch die Täler rollen würden, bald ein Echo finden müßten,
dem Tod und Verderben auf dem Fuße folgten. Die finstern Panzer-
und Granitwerke hüben und drüben schrien es vöUig hinaus. Die
Bewohner raunten sich's in beiden Sprachen zu. Der Ruf: „Hie
Guelf— Hie Ghibellin" schwirrte durch die Lüfte. Nur in den Staats-
kanzleien zu Wien und Berlin, sowie in den Parlamenten wollte man
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918