Page - 203 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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GeneralfeldmarschalldesZuges fungierteGeneralFürstSchönburg, der
zu Pferd die langen Zeilen auf und ab ritt und die Marschordnung
im Auge behielt. In diesem Zuge befanden sich alle Mitglieder der
Dynastie, sämtliche Hof- und die vornehmlichsten Staatswürden-
träger. Die Kämmerer und dieGeheimenRäte zuPferde ! Man denke
sich bei strömendem Regen und eisigem Wind einen mehrstündigen
Ritt ohne Mantel auf dem glitschnassen Stadtpflaster! Es war alles
eher denn angenehm. Anderseits imponierte mir doch die Wirkung
einer Idee, die imstande war, so viele Hunderttausende und speziell
die Mächtigsten unter ihnen auf die Knie zu zwingen, ohne ihnen
hierfür irgend etwas Greifbares zu bieten. Und auch dem Faiseur
und Sieger in dieser Kraftprobe, Kardinal Nagl, mußte man die An-
erkennung zollen, ganz gleich wie man über das Wesen der Sache
denken mochte. Mit ihm verband ims— meine Frau und mich—
übrigens hohe Wertschätzung, imd niemand war dann über meinen
baldigen Sturz empörter als er.
Am Tage des eucharistischen Kongresses wohnte ich einem
Diner des päpstlichen Nuntius bei, das insofern sehr interessant
war, als zwölf Kardinäle aus aUen Ländern der Welt zugezogen
waren. Man hatte den Eindruck, einem päpstlichen Konklave zu
assistieren.—
Mitte September, noch vor Beginn der Delegationssession, meldete
sich bei mir unser Militärattache bei der Konstantinopler Botschaft.
Über die politische Situation, der ich großes Mißtrauen entgegen-
brachte, befragt, gab der militärische Diplomat die beruhigendsten
Versicherungen — zum mindesten für die nächste Zeit. Mein
Hinweis auf die vielen bedrohlichen Momente, vor allem auf
die enormen Rüstungskredite der christhchen Balkanstaaten, be-
antwortete er mir dahin, daß seiner Überzeugung nach dies alles
für eine ferne Zukunft bestimmt sei. Sollte aber trotzdem eine
Komplikation eintreten, so gelte es als Gewißheit, daß die ver-
jüngte Türkei alle ihre Gegner rasch niederwerfen würde. Übrigens
hegte man auch auf der hiesigen türkischen Botschaft keinerlei
Besorgnisse und teilte damit die Ansichten unserer Staatskanzlei.
Solch ein poHtischer Aufsitzer war wohl kaum dagewesen! ,,Quem
Dens perdere vult, dementat!" Und zweifelsohne war damals die
Türkei von einem vollständigen Zusammenbruch auch nicht weit
entfernt.—
Doch jetzt — 1919— lebt die Türkei noch immer, wenngleich
elend und kümmerHch, während die Großmacht Österreich-Ungarn
jämmerlich zerfallen ist. Galt daher dieser klassische Spruch nicht
in erster Linie der Monarchie? —
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918