Page - 222 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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zu meiner Überraschung, einen leisen Vorwurf rnachte, ich hätte den
Marinekommandanten nicht genügend unterstützt. Meine Erwide-
rung, daß ich mit meinem eigenen Ressort wahrHch genug zu tun
gehabt und daß für die Marine in den letzten Jahren ohnedies be-
deutend mehr geschehen war wie für das Heer, ließ der Erzherzog
bei seiner Vorliebe für die Marine nicht recht gelten. Und da er,
wie stets, über alle Detailvorkommnisse genau unterrichtet war,
wußte er auch den Hergang des Soupers bei Heltai, sprach sich über
denToast einesFunktionärs in wenig schmeichelhafterWeise aus, und
ich hatte das Gefühl, daß er auch mir das gute persönliche Verhält-
nis, das ich mit den Ungarn angebahnt hatte, durchaus nicht auf
das Konto ,,Haben" einstellte. Der Thronfolger war zwar liebens-
würdig wie stetsund vertröstete mich— auch wie stets— mit meinen
berechtigten Aspirationen auf eine nahe Zukunft, doch glaube ich
bestimmt, daß damals die Pour-Parlers über meine Demission schon
im Gange waren.—
Die Nachrichten über die Maßnahmen unserer wahrscheinlichen
Gegner schwankten hin und her, gewannen aber dennoch an Bedroh-
lichkeit. Auch mußte man in Betracht ziehen, daß die Nachrichten
des Kundschaftsdienstes verspätet eintrafen, und dieser Dienst über-
haupt nicht allzu glatt funktionierte. So kam ich beispielsweise eines
Morgens ins Büro, als soeben eine aus dem Ministerium des Äußern
übermittelte chiffrierte Depesche präsentiert wurde. Ich nahm ein
Zeitungsblatt zur Hand und mußte lächeln, denn darin stand bereits
eine Notiz, die nahezu dasselbe enthielt wie das Telegramm.
Ein Höhepunkt in der politischen Krise und gleichzeitig eine Ent-
spannung trat ein, als unser Botschafter in Petersburg, Graf Thurn-
Valsassina, telegraphierte, daß er amTage vorher eine Audienz beim
Zaren gehabt, wobei ihm dieser durchaus friedliche Versicherungen
gegeben, ja wo er direkt ausgesprochen hatte, daß er einen Krieg
vermeiden wolle. Eine Zeitlang wirkte dies auch tatsächlich beruhi-
gend. Andererseits mahnten bestimmte Vorkommnisse noch immer
zur äußersten Vorsicht. So die authentisch festgestellten Truppenver-
schiebungen, die Anhäufung von Vorräten aller Art an allen Bahn-
knoten, in erster Linie aber die famose, schon im Juli avisierte Probe-
mobilisierung, wodurch der Gefechtsstand der russischen Infanterie
auf fünfviertel Millionen Gewehre angewachsen war. —
Am 7. Dezember erhielt ich eine Audienzeinladung des Thronfol-
gers. Ich dachte, er hätte mir etwas Belangreiches sachlicher Natur
zu sagen. Man kann sich daher meine Überraschung ausmalen, als
mir Franz Ferdinand nach konventioneller Einleitung die Proposition
machte, das Prävenire zu spielen und meine Demission zu erbitten!
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918