Page - 225 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Am folgenden Tage erschien ich beim Kaiser.
Nach dem Referat über die laufenden Dinge konnte ich mir's
nicht versagen, eine gedrängte Skizze über meine Schöpfungen in
den abgelaufenen fünfviertel Jahren zu geben. Dann erhob ich mich,
imd sprach: ,,Da ich jedoch erkenne, daß es mir trotzdem nicht ge-
limgen ist, das Vertrauen Eurer Majestät zu gewinnen, bitte ich um
meineDemission." Der Kaiser nahm es mitGleichmut auf, und auch
hier konnte ich die Motive nicht erfahren, die meinen Rücktritt ge-
fordert hatten. Der Träger der Krone hatte für seinen scheidenden
Berater ebenfalls nur einige Allgemeinheiten von stets zunehmender
Antipathie und Beschwerdeführung der andern Ratgeber. Dann
meinte der Monarch sarkastisch lächelnd: ,,Übrigens ist ja auch Ihr
Protektor, der Thronfolger, anderer Anschauung geworden." Dies
stimmte allerdings nicht mit dem überein, was mir der Erzherzog
tags vorher gesagt hatte, doch brauchte es deswegen beileibe nicht
unrichtig gewesen zu sein.
ImStiegenhaus begegnete mir der Chef des Generalstabes, Schemua,
den die analoge Veranlassung in die kaiserlichen Hallen führte. Er
war besonders darüber erbost, daß man ihn kurz vorher nach Berlin
gesendet hatte— in einem Zeitmoment, da man doch schon wissen
mußte, daß er die getroffenen Vereinbarungen nicht mehr würde aus-
füliren können.
Drei Tage später kam das übhche Handschreiben, das auffallend
kühl, fast verletzend war. Der Orden der Eisernen Krone erster
Klasse, den ich hierbei erhielt, wurde mir auch nicht „in Anerkennung
meiner Verdienste", sondern nur „bei dieserGelegenheit" verliehen—
eine Auszeichnung, die gewöhnlich den Kommandierenden Generalen
und den Ressortministern gegeben wurde. Es sollte mir auch durch
diese Anerkenntmg die Nichtanerkennung ausgedrückt werden.
Vom Thronfolger wurde ich nochmals zur Audienz geladen, bei
der er mich seiner fortdauernden Freundschaftund seines Vertrauens
versicherte und mir kundgab, daß er meine Ernennung zum Armee-
inspektor erwirkt habe. Hingegen versicherte mir Conrad wieder-
holt— mündlich und schriftUch—, daß dies nur seiner Stellung-
nahme zuzuschreiben sei. Sei's nun dieser, sei's jener gewesen, ich
glaube, der Staat kam auf seine Rechnimg.
Den Schauplatz meines bisherigen Wirkens, den vielbegehrten und
vielumstrittenen Ministerfauteuil, verließ ich erhobenen Hauptes. Ich
hatte das Gefühl, meine Pflichtim weitestenUmfang erfüllt zu haben,
nicht nur als gewissenhafter Administrator, sondern auch als verant-
wortungsfreudiger Organisator, als wirkUcher Minister, nicht nur als
gefügiges und brauchbares Werkzeug. Wohl verstand ich es, den
15 Auffeaberg 22$
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918