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ter erzählten sogar von Lieferungen, die ich in der kritischen Zeit
effektuiert, dann wieder storniert hätte, wobei der Staat der zahlende
Teil gewesen sein soll. Ich wollte dementieren. Doch die Maßgeben-
den ließen es nicht zu. Sie waren fürs Ignorieren. Dies war im alten
Österreich der beliebteste Standpunkt, zu dem man immer flüchtete,
wenn man den einzuschlagenden Weg nicht erkannte oder ihn ver-
meiden wollte. Kein Lärm. Kein Skandal. Das war die Devise, die
aus dem vornehmen, bedrückend stillen Arbeitszimmer liinunter-
drang, wo man dann, hinter dieser Devise versteckt, in geheimer
Wühlarbeit die IVIinen legte.
Nach Wien heimgekehrt, widmete ich mich eingehend den Agenden
meiner neuen Tätigkeit. Im Vergleich zu dem Schaffensfeld eines
Ministers war deren Umfang natürUch minimal und bestand dem
Wesen nach aus Studien und Informationen. In meinem Falle be-
zogen sie sich auf Tirol, wo das Schwergewicht meines Inspektorates
lag. Dieses umfaßte den Bereich des IV., IX. undXIV. Korps, daraus
im Kriegsfalle gegen Italien oder bei einem Doppelkriege die 4. Armee
hervorgehen sollte, der ein besonderer Wirkungskreis zugewiesen war.
An der Spitze des Inspektorates stand vor meiner Ernennung erst
ErzherzogEugen, dannConrad vonHötzendorf, demRenommee nach
Matadoren des Gebirgskrieges und Persönlichkeiten, die in Tirol eine
besondere Wertschätzung genossen. Dies war mir ein Ansporn, mich
durch eingehende theoretische und praktische Studien auf eventuelle
Operationen in jenem Lande tüchtig vorzubereiten.
Ende Jäimer fand eine der üblichen Personalkonferenzen statt,
denen der Kaiser präsidierte. Sie hießen ,,Marschallsräte", obwohl
dabei fast ausschließHch nur Personalfragen behandelt wTirden. An-
wesend und stimmberechtigt waren : der Kxiegsminister, der Chef des
Generalstabes, die Armeeinspektoren, der Generaladjutant und ab
und zu auch Waffeninspektoren. Das maßgebende Wort sprach
meistens der Thronfolger, der manchmal seine Wünsche schon vor-
her bekanntgegeben hatte. Dagegen war nicht leicht zu oppoiüeren.
Gleichwohl gab's mitunter recht lebhafte Diskussionen, die zuw'eilen
eines humoristischen Anstriches nicht entbehrten.
Im März hielt ich in Budapest eines der großen Generalkriegsspiele
ab, die innerhalb der Armeeinspektorate alljährhch durchgeführt
wurden. Auf Wunsch des Chefs des Generalstabes bearbeitete man
eine Operation, in der eine linke Flügelarmee aus dem Aufmarsch-
raume: Lemberg—Brod}^ zur Offensive gegen das Festungsdreieck:
Dubno—Rowno—Luck vorzugehen hatte, Verhältnisse, wie sie bei
einem eventuellen Aufmarsch in Ostgalizien gedacht wurden und die
dann während des Weltkrieges— in dessen zweitem Teil— als Folge
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918