Page - 236 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
Image of the Page - 236 -
Text of the Page - 236 -
der Schlacht bei Gorlice annähernd eintraten. Bei Ausarbeitung und
Durchführung des Kriegsspieles wurde mir unsere schwierige stra-
tegische Lage bei einem Auf- und Vormarsch nach Rußland so recht
klar. Insbesondere für den Fall, daß die Russen das Ziel nehmen
würden, das ihnen militärisch imd poHtisch am nächsten lag: den
Massenanfall auf Österreich-Ungarn.
In Budapest suchten mich viele Journalisten auf, um mich zu
Interviews über die Ursache des so auffallenden imd auch in Ungarn
von niemandem verstandenen Rücktrittes zu bewegen. Ich konnte
darüber nichts sagen, da ich darüber selbst nichts wußte. Dies er-
klärte ich meinen dortigen Bekannten und Freunden aus den Dele-
gationsperioden, aUen voran dem seither verstorbenen Franz Heltai,
der sich damals zum Oberbürgermeister von Budapest emporge-
schwungen hatte.
Und nun trat ein peinhches Vorkommnis ein, mit dem ich wohl
in keinem Zusammenhange stand, das sich aber dennoch schwer über
meinenWeg legteund das—ohne daß ichdavon eineAhnung hatte—
den Start bilden sollte zu einer Hetzjagd, die meine Feinde gegen
mich unternahmen. Es war, als wollte das Schicksal an einem Schul-
beispiel zeigen, wie souverän es walten könne, wie sich unter seiner
formenden Hand die belanglosesten, den Betroffenen fernstehenden
Begebenheiten eignen, um aus Recht Unrecht, aus Verdienst Fehler
zu gestalten.
Das Grundmotiv, auf dem man offene und geheime Verfolgungen
aufbaute, war der vorerst sich noch verbergende Verdacht, ich hätte
persönliche materielle Vorteile gesucht. Zufällig fand man damit
dasjenige, das meinem Wesen just am allerfremdesten ist. Nach
Familie, Veranlagung, Erziehung und Werdegang zu allem eher als
zum Erwerb geschaffen, hätte es mir, von der Absicht abgesehen,
auch an jedem Sinn, geschweige denn an Geschicklichkeit zu jed-
weder finanziellen Aktion gefehlt. Auf Ehren und Auszeichnungen
und niemals auf Schätze und andere materielle Güter war mein Leben
eingestellt. Mag sein, daß ich Illusionen und Phantomen nachjagte.
Auf jeden Fall aber gab es praktischer veranlagte, die ökonomische
Seite des Daseins besser würdigende Gemüter als das meine . . .
Es trat daher zum furchtbaren Schaden noch der wahrhaft blutige
Spott, daß gerade ich mich gegen derlei Anschuldigungen, die letzten
Endes einen Kampf auf Leben und Tod ergaben, verteidigen mußte.
Jenes verhängnisvolle Vorkommnis, das ich früher erwähnte, war
der sogenannte ,,Cziffra-Prozeß", wobei es die Angeklagte wagte,
meine Person willkürlich hineinzuzerren, um sich damit selbst ein
Rehef zu geben. Um meinemGrundsatz vollkommensterObjektivität
236
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918