Page - 256 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Sprache aller Vertreter der obersten lycnkungen möglicherweise eine
Entspannung angebahnt hätte.
Eine Abschiedszeremonie, wenn man dies so nennen kann, fand
eigentlich nur am Westbahnhofe in Wien statt. Die Generale und
obersten Würdenträger versammelten sich an dem schwülen, düstern
Abend des für das alte Österreich einst so verhängnisvollen 3. Juli.
In der Halle trat Conrad zu mir und sagte ruhigen Tones, daß nun
das verdiente Strafgericht über Serbien hereinbrechen würde. Ich
stimmte bei, daß es verdient sei, meinte aber, daß man gewärtig
sein müsse, daraus einen allgemeinen Brand entstehen zu sehen.
Conrad warf ein, daß dies nicht die unbedingte Folge sein müsse,
doch würde man gegebenenfalls auch dies mit in den Kauf nehmen.
Da wies ich denn auf den von uns beiden so oft besprochenen und
beklagten unfertigen Zustand der Armee, namentlich der Artülerie
hin, der doch zu bedenken wäre, wenn man sich in einen Kampf
auf lieben und Tod einließe. Conrad entgegnete, daß man mit dieser
Tatsache wohl rechnen, den Moment aber doch nicht vorüberziehen
lassen dürfe. Dieses mit gedämpfter Stimme geführte Gespräch ließ
mich erkennen, daß der Krieg— mindestens beim Chef des General-
stabes— eine beschlossene Sache sei. Ein fester Entschluß in großem
Moment verdient immer ernsteste Beachtung. Tiefernsten Sinnes
fuhr ich auch von dieser düstern Feier nach Hause.
Bei der Fahrt passierte ich die Paulanergasse, wo vor den Fenstern
der serbischen Gesandtschaft eine lebhafte Demonstration stattfand
und die vorüberfahrenden Offiziere akklamiert wurden. Eine Straßen-
szene, die sich bald tausendfach wiederholen sollte.
Mein Urlaub fiel jetzt natürlich aus, dagegen wollte ich wenigstens
noch einige meiner Tiroler Truppen inspizieren. Auf meine dies-
bezügliche Anfrage erhielt ich— eigentlich zu meinem Erstaunen—
die Mitteilung, daß ich nicht nur die Inspizierung, sondern auch die
fürMitte Juligeplante Generalsübungsreise abhaltenmöge. Ichmußte
daher annehmen, daß der eben geschüderte, sich so kräftig anlassende
Entschluß wieder rückgängig gemacht worden sei. Dem war aber
nicht so. Nur wollte man vorerst das Resultat der gerichtlichen Er-
hebungen abwarten und dann erst an den letzten Schritt denken.
Auf solch eine müitärpolitische Naivität wäre ich allerdings nicht
verfallen. Also hing es eigentlich vom Untersuchungsrichter in Sara-
jewo ab, ob der Weltkrieg zu beschließen sei oder nicht. So ver-
säumte man, einer Formalität wegen, einen ganzen Monat und gab
damit den einzigen Vorteü aus der Hand, den man den Russen vor-
aus imd den man seit Dezennien als ausschlaggebend doziert hatte:
die raschere Mobüisierung und Kriegsbereitschaft.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918