Page - 259 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Die oberste Schicht war weich geworden, was die Anstrengung wesent-
lich vermehrte. Mit Ausnahme eines Generals, der mit dem Herzen
zu tun bekam, hielten sich alle vortrefflich, besonders der allerdings
noch jugendliche Erzherzog Josef Ferdinand und der gleich ihm tou-
ristisch gewandte Generalmajor Herzberg. Genau sechs Wochen
später zerriß ein Granatstück Körper und Leben dieses ausgezeich-
neten Generals, unmittelbar bevor seine Truppen eine russische Ar-
tillerielinie eroberten.— Beim Abstieg vom Paradiso kam's zu einer
richtigen Abfahrt, wobei Erzherzog Josef Ferdinand und ich regel-
recht karambolierten und schließlich kopfüber bei der ]\Iondrone-
(Leipziger-) Hütte landeten. Der Erzherzog, liebenswürdig wie immer,
ließ sich's nicht nehmen, mich vom Schnee zu reinigen. Abend und
Nacht verbrachten wir bei Wind und Kälte sehr behaglich in der
Hütte und hatten am folgenden Tag einen herrlichen Abstieg ins
Genovatal. Die Mondronehütte ist mittlerweüe schon lange zu einem
Schutthaufen zerschossen!— Den Schluß der Exkursion bildete ein
mehrstündiger Ritt durch das wundervolle Val di Genova, der uns
nach Pinzollo brachte, von wo wir nach gemeinsamem ]\Iahle in alle
Richtungen heimwärts fuhren. Ich verbrachte noch einige Stunden
in Bozen, wo mich Oberst Brosch besuchte. Wir sprachen lange über
den Wandel der Zeiten, der durch den Tod des Thronfolgers einge-
treten war. Dann trennten wir uns mit herzlichen Worten, und ich
versprach, ihn zu besuchen, wenn ich im Herbst den Tiroler Übungen
beiwohnen würde. Statt dessen standen wir in den Herbsttagen in
schwerster Schlacht ^ und meinen Freund Brosch sah ich nie mehr
wieder.
Ich fuhr per Auto durch das Eisack- und Pustertal, sah die Gegen-
den wieder, die ich 37 Jahre vorher als Kriegsschüler, gewissermaßen
als fahrender Scholast durchwandert hatte, und landete schließlich
in Rutzing.
Da seit dem erschütternden Ereignis von Sarajewo nun fast vier
Wochen verflossen waren und— trotz Conrads Andeutung— kein
erkennbarer Schritt imternommen worden war, glaubte ich felsen-
fest, daß es auch weiterhin zu nichts Bedeutendem kommen würde.
So mutete es mich förmlich befremdend an, als ich gelegentlich eines
kleinen Ausfluges nach Bischoflack in einer illustrierten Zeitung mich,
gleich den andern Armeeinspektoren, als künftigen Führer abgebildet
sah. Jedenfalls störte dies meine Ruhe in keiner Weise.
Da— am 24. Juli, es war just ein Freitag, als wir in Rutzing, um
den Kindern meiner Schwägerin einen Spaß zu machen, im Grase
beim Erdäpfelbraten zusammensaßen, kam in eiliger Fahrt mein
Schwager zu Rad daher, ein Zeitungsblatt hoch in der Hand haltend.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918