Page - 262 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Ausdehnung des Krieges. Es erschien mir damals schon ganz un-
begreiflich, wie man sich der Täuschung hingeben oder nur die Mög-
lichkeit in Betracht ziehen konnte, daß es sich um etwas anderes
handeln würde, als um das größte kriegerische Ereignis, das je über
den Erdball hinweggefegt war. Zum mindesten vondemMomente an,
da man die immerhin einlenkende Antwort Serbiens mit Entschie-
denheit zurückgewiesen hatte, mußteman doch wissen, wie die Dinge
laufen würden. Höchstens über die Art der Mächtegruppierung hätte
noch ein Zweifel bestehen können, zumal für jene, die über das diplo-
matische Kulissenspiel nicht orientiert waren. Allerdings sollte es
sich bald erweisen, daß auch die berufsgemäß Orientierten unorien-
tiert waren.
Als charakteristisches Moment führe ich ein Gespräch mit dem
Gardekapitän, General der Kavallerie Graf Uxküll, am Abend des
28. Juli an. Der hohe General, der zwar keinen prominenten Dienst-
posten innehatte, doch immerhin über die Stimmung bei Hof unter-
richtet war und überdies durch viele Jahre den Posten eines Müitär-
bevoUmächtigten am Petersburger Hofe bekleidet hatte, versicherte
mir noch in jenem Zeitmomente, daß er ein Eingreifen Rußlands für
ausgeschlossen halte. Auf meinen Einwand, die Nachrichten über
die russischen Mobilisierungen könnten doch keineswegs mehr be-
stritten werden, meinte er, daß solche nie ernst zu nehmen seien
und nur den Wert eines Bluffs besäßen.
Leider Gottes hatte man in den maßgebenden Kreisen auch so
gedacht, weü man's eben so gewünscht hatte. Doch das Volk dachte
in jenen Stunden wohl anders, was sich in allabendlichen Demon-
strationszügen fast mit elementarer Gewalt kundgab. Allerdings auch
da in der angegebenen Richtung. Immer wie man's eben wünschte.
Daß es dabei zu lärmenden Akklamationen vor dem deutschen Bot-
schafterpalais kam, war nrur natürlich. Doch schlössen sich daran
auch Kundgebungen vor der italienischen Botschaft und der rumä-
nischen Gesandtschaft an, denen ab und zu auch solche vor dem ja-
panischen Palais folgten. Es dauerte geraume Zeit, bis man endlich
einsah, in welch grausamem Irrtum man sich befand.
Meine Familie war vom Lande heimgekehrt, und da es nun wohl
keinem Zweifel mehr unterliegen konnte, daß das Flämmchen sich
zu einer mächtigen Flamme entwickeln werde, gingen wir alsbald
daran, die persönlichen Kriegsvorbereitungen zu treffen. Es wurde
vor allem ein drittes Reitpferd, eine importierte irische Stute, zwei
Wagenpferde und ein Gepäckswagen angekauft. Weiters ein Kanzlei-
zelt, dessen mobile aufpackbare Einrichtung ein patriotischer Groß-
industrieller dem Armeekommando kostenlos beistellte.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918