Page - 264 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Natürlich woben jene Tage auch reichlichen Stoff für die wag-
halsigsten und konträrsten politischen Kombinationen und Erwä-
gungen. Und sie warenum so mannigfaltiger, als eigentlich niemand
etwas Bestimmtes wußte,— höchststehende und berufenste Würden-
träger nicht ausgenommen. Zu unserer engsten Gesellschaft zählte
beispielsweise Oberstleutnant C. Er wußte alles, was man im aus-
wärtigen Ministerium und im Kriegsministerium kannte und er-
kannte. Es wechselte kaleidoskopartig. Alle möglichen Kombina-
tionen zeigten oder ergaben sich, bis endlich die traurige Wahrheit
die Oberhand gewann, daß die beiden Kaisermächte allein dastünden
in einer sie starr umgebenden Welt von Feinden. Besonders bezüg-
lich Italiens und Rumäniens wechselten Hausse und Baisse täglich,
und wenn es eine Entschuldigung für die dann folgenden mili-
tärischen Fehler gibt, muß man sie vornehmlich in der Unorientiert-
heit der äußern politischen Leitung suchen.
Die Erkenntnis all dieser Mängel löste von allem Anfang an die
schwersten Bedenken in mir aus. Auch die immer deutlicher her-
vortretende Gruppierung der Armee in zwei nur wenig verschiedene
Teile wollte mir nicht gefallen : gegen Rußland drei stärkere Armeen
—I., 3., 4.— mit etwa 23 Divisionen, gegen Serbien drei schwächere
Armeen— 2., 5., 6.— mit etwa 18 Divisionen, während für zwei
Korps— III. und XII.— die Entscheidung noch ausstand.
In jenen Tagen ereignete sich auch folgender Zwischenfall, der von
bemerkenswerter politischer Naivität zeugt.
Im steyerischen Bad Gleichenberg befand sich der serbische oberste
Heerführer, der Vojvode Putnik. Auf der Rückfahrt wurde er in
Budapest angehalten und interniert, da die Beziehungen mit Ser-
bien schon abgebrochen waren. Da kam von maßgebender Stelle
der Befehl, ihn frei passieren zu lassen! Wohl selten dürfte in der
Geschichte der Fall zu verzeichnen sein, daß die eine Partei bei Be-
ginn des Krieges sich der Person des gegnerischenOberkommandanten
versichern konnte. Und zwar eines Oberkommandanten, der sich als
solcher schon bewährt hatte und in derArmeeundimLandedas aller-
größte Vertrauen und Ansehen genoß. Solch ein überkostbares Pfand
mit einer vornehmseinsoUenden Geste aus der Hand zu geben, ist
doch ein Beweis einer geradezu seltenen politischen und militärischen
Unklugheit, die sich dann auch aufs bitterste gerächt hat.—
Am Nachmittag des 30. Juli sahen wir, meine Familie und ich,
der Vereidigung und dem Abmarsch des Belovarer Infanterieregi-
mentes Nr. 16 in der nahegelegenen Schwarzenbergkaserne zu. Eine
weihevolle Stunde, die besonders den Frauen Tränen erpreßte. Das
brave schöne Regiment bedeckte sich dann in vielen heißen Schlacht-
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918