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erhob ich dann auch den mit schlichtem Landv/ein gefüllten Becher
im Kreise meines engeren Stabes zum treuen Gedenken der Helden,
die in den opfervollen Kämpfen dahingesunken waren.
Am 8. erfolgte die Abreise ins Feld. Klnapp vorher sah ich noch
vor dem Kriegsministerium dem Defilement der 25. Landwehrbrigade
zu. Sie bildete einen Bestandteil meiner Armee. Ihre beiden Regi-
menter— I imd 24— präsentierten sich ausgezeichnet. Nur die
geringe Anzahl Offiziere berührte peinlich. In den Kämpfen schlugen
sich die Regimenter dann tapfer und brav. Das Defilement nahm
Erzherzog Friedrich ab, in dessen Suite sich der Chef des General-
stabes und der Landesverteidigungsminister befanden. Wir wechsel-
ten nur wenige Worte. Mich zog's nach Hause, um von meiner Fa-
milie Abschied nehmen zu können.
Ich schied schweren Herzens. Die Trennung von den Meinen und
in erster Linie die Sorge um die Zukunft des Staates stimmten mich
ernst. Im Verlaufe der Fahrt zwang ich mich zu äußerlicher Heiter-
keit und nahm mit lächelnder Miene in den verschiedenen Stationen
die Huldigung der Bevölkerung entgegen, die, wenigstens im Anfange,
allen durchpassierenden Transporten zuteil wurde. Die letzte in
Brzesko (Galizien), wo wir dafür eine dreistündige Verspätimg eiri-
heimsten. Eine Ortsnotabilität sprach mir einen besonders schwung-
vollenWülkommgruß ausund prophezeite dabei, ,,es werde gewiß gut
gehen, denn es würden gegen die Russen zwei Armeen kämpfen, die
österreichische und — die polnische!" Drollig und bezeichnend.
Allerdings zogen letzten Endes tatsächlich die Polen den größten
Vorteil aus dem Weltbrande.
Mein Armeestab hatte die normale Zusammensetzung, desgleichen
jener des Armee-Etappenkommandos. Ich hatte im Vorjahr bei den
Armeemanövern von Tabor schon die Erfahrung gemacht, daß die
organischen Bestimmungen für den Dienstbetrieb bei den höheren
Kommanden im Felde, besonders bei den Armeekommanden, nichts
weniger als glücklich verfaßt waren. In der Stille imd Heimlichkeit
des operativen Büros des Generalstabes zusammengestellt, gaben sie
diesem eine vorherrschende Position, die mit allen Mitteln den Ein-
fluß und das Geltungsgebiet des wirklichen Kommandanten herab-
zumindern trachtete. Dies resultierte aus dem dezennienlangen Be-
streben, dem Generalstabe eine prädominierende Stellung ä outrance
zu schaffen und ihn gewissermaßen zu einem Staat im Staate zu
machen. Sehr zum Schaden der Sache. Dazu kam noch, daß durch
die modernen, allerdings ganz unerläßlichen Verbindungsmittel, die
dem Generalstab unterstanden, namentlich durch das Telephon, den
Generalstabsabteilungen rein technisch und mechanisch eine Gewalt
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918