Page - 284 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Im Hof traf ich den Thronfolger, Erzherzog Karl Franz Josef,
munter und wohlgemut, wie im Korpsmanöver. Schließlich sprach
ich noch mit meinem einstigen Widerpart in der Delegation, Grafen
Heinrich Clam-Martinic, der vorerst noch als Ordonnanzoffizier beim
Armeeoberkommando eingestellt war, kurze Zeit danach aber in
meine Armee kam. Auch der deutschen Militärmission begegnete ich
Generalleutnant Baron Freytag-Iyoringhoven, Graf Kageneck und ein
höherer Generalstabsoffizier. Sie schienen auch nicht frohester Laune,
dürften just damals die ersten unerfreulichen Nachrichten aus Ost-
preußenerhaltenhaben. Soverließ ichPrzemyslgedrückterStimmung.
Wasman da sah und fühlte, konnte einen unmöglich über dieSchwere
hinwegtäuschen, die sich auf die Situation herabzusenken begann.
An diesem Tage schrieb ich in mein Tagebuch: ,,Wir stehen nicht
günstig. Der Krieg ist schlecht vorbereitet und schlecht eingeleitet.
Auch ist das topographische Element gegen uns. Überdies stellt sich
die ganze Welt auf Seite unserer Feinde, hat ja sogar Japan Deutsch-
land den Krieg erklärt!"
Nachmittags sandte ich Oberstleutnant Bogusz aufs Gefechtsfeld
der 6. Kavallerietruppendivision. Er kam mit gutenNachrichtenheim
und brachte einen Kosakenoffizierssäbel samt Mütze mit— beide
funkelnagelneu, dem Offizierskasino in Tomaszow entnommen, das
von seinen Bewohnern in panischer Flucht verlassen worden war.
Für den Weitermarsch der Armee ließ ich eine vollkommene Links-
schwenkung nach der Karte studieren, da ich das Gefühl hatte, die
Notwendigkeit dafür würde eintreten.
Einen eigenartigen Zwischenfall möchte ich scherzweise erwähnen.
Ich saßamKartentisch mit aufgestütztemKopfe und hielt eine einge-
tauchteFeder in derHand. Da fiel einKlecks aufdieKarte. Indiesem
Augenblicke blitzte es mirdurchdenSinn, daß dort der entscheidende
Punkt liegen würde: zwei Kilometer östlich Dub, bei Komaröw, ein
Raum, dem damals noch niemand besondere Bedeutung beimessen
konnte. Und just an jener Stelle war dann in der Schlacht tatsäch-
lich der wichtigste Punkt, der vom linken Armeeflügel auch bereits
erreicht wurde imd unbedingt zur Kapitulation von vielen Tausenden
Russen geführt hätte, wenn nicht— doch davon später!
Der Abend fand uns gemütlich beisammensitzend. Nur die Situa-
tion in Serbien erregte unserenUnmutund wurde lebhaft besprochen,
Liebe Briefe kamen von Hause. Man wird so anders im Felde,
in vieler Hinsicht weit besser als unter normalen Verhältnissen. Nur
darfman nicht weich werden. Zum mindesten nicht als hoher Führer
in verantwortlicher Stellung. Dessen schalt ich mich und verbrannte
die Briefe.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918