Page - 285 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Am 21. langten gute Nachrichten aus Tomaszow ein. Gleich früh-
morgens ritt ich entlang des San, um die feldmäßigen Brückenan-
lagen zu besichtigen. In den Mittagsstunden trafen präzise Flieger-
meldungen ein, die das Vorrücken starker Kräfte aus Norden von
lyUblin—Cholm meldeten. Wie gut war es, daß wir die nördlich
führenden Marschlinien genau studiert hatten. Ich schrieb in mein
Tagebuch: ,,Also noch vier bis fünf Tage— und dann wie Gott
es will! Bin auf Conrads letzten Entschluß neugierig. Hoffentlich
kommt er jetzt auf den richtigsten und vor allem glücklichsten
Gedanken."
Am 22. fuhr ich nach Jaroslau zum Besuch der Verwundeten. Im
allgemeinen leichtere Fälle. Hauptsächlich 54er (i. Armee), die bei
Friampol gegen die Übermacht losgelassen worden waren und starke
Verluste erlitten hatten. Eine Folge der Kavallerieraids. Schadeum
dieses brave Regiment.
Jaroslau überflog ein deutscher Zeppelin, den wir bei einem Haar
angeschossen hätten.
Die 6. Kavallerietruppendivision ging nachKomarowundamAbend
— die Kosaken vor sich hertreibend—bisZamosd vor—sehr schneidig
und im Sinne des vom Armeeoberkommando herausgegebenen Be-
fehles. Nur war dieDivision jetzt 80km vor der Armeefront, was in
Anbetracht der Nähe der feindlichen Heereskolonnen nicht lange so
bleiben konnte.
An diesem Tage wurde ein großer Sieg der Deutschen bei Metz ge-
meldet, doch auch— was uns näher lag— eine deutsche Niederlage
gegen dieRussen (Stallupönen). Conrad dürfte dies schwerempfunden
haben, denn mit dem erhofften Vorstoß der Deutschen auf Siedlec
über denNarew war's jetzt für lange Zeit, vielleichtfürimmer vorbei.
In der Nacht zum 22. hatten sich Abteilungen des 24. Landwehr-
Infanterieregiments (13. Landwehr-Infanterietruppendivision) gegen-
seitig angeschossen. Es gab Tote und Verwundete, darunter auch
zwei Hauptleute. Nervosität! Sollte leider nicht das letztemal ge-
wesen sein. Es kam überall, auch bei den Russen vor, wie wir später
bei unserem Einrücken in Zamosd hörten. Am Abendkam die Nach-
richt, Potiorek hätte 30 Bataillone Serben östlich Visegrad geschlagen.
Es erfüllte uns mit Genugtuung. Viele glaubten auch, daß damit
ein großer Erfolg errungen war. Ein schwerer Irrtum! Es fanden
sich übrigens etliche, die jene Anschauung negierten. Doch selbst
der größte Pessimist hätte es damals nicht für möglich gehalten, daß
vier Monate nach jener Affäre die serbische Situation so gründlich
verfahren sein würde.
Am späten Abend traf die Disposition des Armeeoberkommandos
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918