Page - 412 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Eignung zu einem Generalkriegsrechnungskommissär besäße, aber nie
zu einem Feldherrn! —
In den letzten November- und ersten Dezembertagen gestalteten
sich die Verhältnisse am nördlichen Kriegsschauplatz wieder kriti-
scher. Das dirigierende Armeeoberkommando war nach Teschen zu-
rückgegangen, und es wurde sogar dessen weitereRückverlegung nach
Brunn ernsthaft erwogen. Die Russen hatten ganz Mittelgalizien
überschwemmt, hatten die Verbündeten bis nahe an die schlesische
Grenze gedrängt, mit der Beschießung der Krakauer Nordostforts
begonnen und waren tief in die Karpathentäler Nordungarns ein-
gedrungen. Erst in der Schlacht von Limanowa wurde dem Vor-
dringen der Russen ein Riegel vorgeschoben. In dieser Schlacht
kämpften Divisionen der 3. und 4. Armee, bei letzterer die 47. deut-
sche Reservedivision, außerdem als Fußkämpfer die besonders tapfer
fechtende österreichisch-ungarische 10. Kavallerietruppendivision. Der
Hauptsache nach war's eine Soldatenschlacht, in der die größere Ge-
fechtsgewandtheitund Kampfestüchtigkeitder Österreich-Ungarnund
Deutschen den Sieg davontrugen.
Zu gleicher Zeit setzte auch die große Offensive gegen Serbien ein.
Merkwürdigerweise wurde auch sie mittels eines bombastischen Ar-
meebefehls angekündigt, in dem fast unverblümt gesagt wurde, daß
man vor Eintritt des Winters die Angelegenheit mit Serbien erledigt
haben wolle. Dieser hoheitsvolleu Gebärde entsprachen aber die
Machtmittel nicht, die für diesesUnternehmen zur Verfügung standen.
Nach allem zu urteüen, dürften es etwa 10 Divisionen gewesen sein,
die für den Haupteinbruch in Serbien bereitgestellt werden konnten.
Dieselben waren in eine Armee— 5. Armee— und zwei selbständige
Korps gegliedert, die teilweise aus Landsturmdivisionen zusammen-
gesetzt waren. Der Einbruch erfolgte nach dem oft erprobten, aber
nie mit Erfolg durchgeführten Rezept des umfassenden Angriffes von
der Nordwestecke Serbiens aus. Objektiv betrachtet glaube ich, daß
bei relativ so geringer, dem Gegner wahrscheinlich unterlegener Strei-
terzahl ein anderer operativer Vorgang wohl kaum möglich gewesen
wäre. Allerdings standen hierdurch die Chancen für das ganze Unter-
nehmen von vornherein recht ungünstig. Ich kann nicht annehmen,
daß der Oberkommandant, Feldzeugmeister Potiorek, dies nicht er-
kannt haben sollte. Ob er die Offensive trotz alledem aus eigener
Initiative unternahm oder ob er hierzu durch höhere Wünsche direkt,
indirekt, vielleicht auch nur andeutungsweise veranlaßt wurde, wird
man wohl erst später erfahren. Von authentischer Seite hörte ich,
daß er während der Operationen gleichzeitig deren geschichtliche Be-
schreibung niederlegte und sie an eine maßgebende Stelle täglich
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918