Page - 415 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
Image of the Page - 415 -
Text of the Page - 415 -
Meldungen und Berichte, verließ aber trotzdem seine Klause nicht,
um selbst zu sehen, ob die blanke Unmöglichkeit tatsächlich einge-
treten war, seine theoretisch richtigen Konklusionen ins Praktische
zu übersetzen.
Doch anderseits: zwei bis drei Tage Sonnenschein, ein kräftiger
Nordwind hätten die Wege passierbar, Proviant und ]\Iunition er-
reichbar gemacht. Dann wäre Potiorek vielleicht dochSieger in diesem
großen Kampfe geblieben. So aber brach das Verhängnis herein.
Dezimiert, teilweise deroutiert muiBten die Armeen in ihre Ausgangs-
situation zurückgehen. Belgrad ging wieder verloren. Eine nicht
unbeträchtliche Zahl modernster Geschütze— darunter die ,,chine-
sischen Gebirgsbatterien", so genannt, weü sie von China bei Skoda
bestellt worden waren — mußten zurückgelassen weiden, und bei
66 000 Gefangene wurden in Serbien internierr, davon nach Jahres-
frist kaum die Hälfte noch am Leben war.
Das war ein schwerer Schlag, der sich auch politisch sehr fühlbar
machte. Naturgemäß resultierten daraus persönliche Konsequenzen.
Vor allem wurde der oberste Leiter in den Ruhestand versetzt. Daß
der bismmvom GlückundvonMenschengtmst so verwöhntePotiorek
ein persönliches Opfer bringen mußte, war schließlich sachlich und
politisch motiviert und daher gerecht. Daß er aber vorher die Be-
urteÜung, sozusagen die Überprüfung des Feldmarschalleutnants
Marterer erdulden mußte, das geht weit über die Sühne hinaus, die
man berechtigt war, ihm aufzubürden. Potiorek war nicht nur einer
der ranghöchsten— ranghöher als Conrad—, sondern bisher auch
einer der anerkanntesten und verdientesten Generale der Armee.
Stets in ausübender Tätigkeit verwendet, hatte er mit seiner Armee
immerhin auch große Erfolge errungen. Und da wurde Herr von
Marterer aus der Müitärkanzlei hinuntergescliickt, um über ihn imd
denZustand derArmee zu berichten! EinMann, der nie anders alsam
Schreibtisch, am Parkett oder in der Antikamera gedient, nie mit der
TruppeinBerührunggekommenwar, siekaumanderswo, alsbeiderAb-
lösungderHofburgwachegesehen,daerjaseitJahrenvollkommenfeld-
dienstuntaughch war ! Das mußte für Potiorek eine unsagbar schwere,
weil überflüssige und unsachliche Demütigung bedeutet haben! —
Ich befaßte mich zu jener Zeit mit der Sammlung von Daten aus
dem Feldzuge und fing an, die Aufzeichnungen aus meinem Leben
niederzulegen. Um ruhiger arbeiten zu können, und um den viel-
fachen privaten Anfragen auszuweichen, die die Bitterkeit des mir
sachlich und persönlich angetanen Unrechtes immer wieder wach-
riefen, entfloh ich der Großstadt und kehrte wieder für kurze Zeit
auf den Semmering zurück.
415
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918