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Seite jenes strategische Verhältnis hergestellt, das gleich von allem
Anfange an selbstgewollt anzunehmen gewesen wäre. Auch gab das
— anfänglich— von keinem einheitlichen Plan und Willen dirigierte
operative Verfahren der Gegner die erwünschte Gelegenheit, die an-
fänglich verfehlte Grundidee nun sukzessive zu korrigieren. Durch
den Hinzutritt der Türkei war indessen aus dem Zweibund ein Drei-
bund geworden.
Es sei erneuert hervorgehoben, daß im Laufe des Krieges nicht
nur eine geradezu märchenhafte Anzahl von Ersatzformationen zur
Aufstellung gelangte, die dann eine drei- und vierfache Wieder-
geburt aller Truppenkörper ermöglichten, sondern daß überdies Neu-
formationen in einer erstaunlichenMenge organisiert werden konnten.
Daß dies alles schheßlich nicht genügte, um den entsetzlichen Nieder-
bruch abzuwenden, ist eine so gewaltige Tragik, daß sie von den IVIit-
lebenden und Mitleidenden noch gar nicht richtig erfaßt werden kann.
Nur so ist es zu erklären, daß die über alles Maß heldenmütigen
lyeistungen der Armee und Völker nirgends weniger anerkannt und
gewertet wurden als just bei letzteren selbst. Solch ein grausames
Geschick steht in der Geschichte aller Zeiten ohne Gleichnis da!
Durch die Leistungen der Armee innerhalb des ersten Halljjahres
des fürchterlichen Krieges waren dem übermächtigen Hauptgegner
so viel Kräfte entzogen worden, daß auch seine zahllosen Kaders
völlig geleert waren. Es traten daher die großen, breiten Massen
einander gegenüber ohne gründliche Ausbildung, mit einem großen
Einschlag nicht berufsmäßig geschulter unterer Organe selbst inner-
halb der Stäbe und Leitungsbehörden. Da kam die höhere Wertig-
keit unserer imd der deutschen Bevölkerung zur vollen Geltmig,
namentlich in geistiger und moralischer Hinsicht. Besonders die un-
geheuereMasse der aus den Intelligenzschichtenstammenden Reserve-
offiziere ergab mit der Zeit eine durchaus ausreichende Qualität
und hielt die nach Hunderttausenden zählenden Ersatz- und Land-
sturmleute fest zusammen, vor allem in den Defensivkämpfen, die
jetzt endlich an fast allen Fronten— zu unserem Glück— einsetzten.
Diesem Umstände verdankte der Staat das Durchhalten in den Kar-
pathenkämpfen, der ersten großen Kriseim Verlaufe des Weltbrandes.
Die Siege, mindestens aber erfolgreich abgewehrten Angriffe in jenen
Kämpfen, waren jedoch keinem überragenden müitärischen Talent,
keinem vom Staat qualifizierten Feldherrn, sondern ausschließlich
den Fronten zu verdanken. Ganz gleich wie einige Monate später
an den italienischen Grenzen. Ein Ruhmeskranz für die alte Armee,
die primäre Gerechtigkeit ihr auf das Grab legen muß!—
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918