Page - 431 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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dings ermöglichte dies der großen nicht informierten Öffentlichkeit
den Rückschluß, daß ganz besondere, noch nie dagewesene Misse-
taten vorliegen müßten, um einem derart verdienstvollen General
solche Behandlung zuteil werden zu lassen. Unter „pflichtwidriger
Amtsführung als Kriegsminister" konnte doch alles Mögliche ver-
standen werden.
Für die Arrangeure dieses Dramas war es eine I^ebensnot-
wendigkeit geworden, daß das Dunkel gewahrt werde. Daher blieb
die Haft aufrecht, wenngleich nunmehr nicht das leiseste Motiv da-
für vorhanden war. Gegen jedes Gesetz wurde mir durch 25 Tage
die Rücksprache mit dem von mir gewählten Verteidiger, Rechts-
anwalt Dr. Preßburger, verwehrt, ja es wurde diesem nicht einmal
mitgeteilt, wessen Deliktes wegen ich eigentlich in Untersuchung
stehe. Preßburgers energische Interventionsversuche blieben voll-
kommen resultatlos. Desgleichen verwehrteman mir— wieder gegen
alle Gesetze— jegliche Aussprache mit meiner Familie. /
(Preßburger war mir und meiner Familie in der ganzen fürchter-
lichen Leidenszeit nicht nur ein ausgezeichneter, aufopfernd tätiger
Rechtsanwalt, sondern auch ein treuer aufrichtiger Freund, und wäh-
rend meiner Haft meiner FamÜie Berater und moralische Stütze.
Ich fühle mich ihm wahrhaft zu Dank verpflichtet.)
Von der Außenwelt hielt man mich hermetisch abgeschlossen, und
durch 35 Tage befand ich mich in Einzelhaft. Mein Bewegungsraum
war ein geschlossener, zwanzig Schritte langer Gang, wo ich zwei
Stunden im Tag auf und ab rennen durfte. Tag und Nacht stand
ein Posten vor der Tür, dessen Bajonett ich blinken sah. Unab-
lässig mahnte es mich daran, daß ich wenige Monate vorher für den
Staat, der mir jetzt diese Behandlung angedeihen ließ, 200 000 solcher
Bajonette zum Siege geführt hatte. Bücher wurden mir keine ge-
stattet, nur eine Zeitimg, deren I^ektüre ich auf den Tag verteilte.
Durch die abgeblendeten Scheiben, die mir jeden freien Blick ver-
wehrten, brannte die Sonne erbarmungslos in meine Zelle, so daß
ich mich in eine Ecke kauerte, um Schutz zu finden. Die Briefe,
die ich nach Hause schrieb und von dort bekam, waren einer strengen
Zensur unterworfen. Und doch waren sie die einzigen Labsale in
dieser Hölle. Als ich einmal auf meinem kurzen engen Gang wieder
auf und ab lief, öffnete der Zufall ein Fenster, und ich sah einen Au-
genblick lang wie geblendet dieHöhen des Kahlenbergs. TiefsteWeh-
mut erfaßte mich. In den Nebenzellen, links und rechts, schwere
Verbrecher, deren Lebensäußerungen ich vernahm, darunter auch das
letzte Röcheln eines Verlorenen, der seinem Leben und Leiden ein
Ende bereitete.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918