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befindlichen vier, mitdenErsatzmännern sechs, ranghöchstenGenerale
bestimmt, die von einer wahrhaft seltenen, unbeirrbaren
Rechtsüberzeugung getragen waren. Sie standen vor einer un-
sagbar schweren Aufgabe. DerWunsch der maßgebendsten Kreise
mußte ihnen nach all den Antezedenzien doch folgerichtig klar sein,
ebenso auch die Mentalität der obersten Dignitäre sowie die Mittel,
die diesen zur Verfügung standen. Man wußte zu strafen, man ver-
stand aber auch zu belohnen! Da unentwegt den geraden Weg zu
gehen und sich um keines Haares Breite abdrängen zu lassen, er-
forderte ein Rechtsgefühl und eine Selbstbeherrschung, die weit
über dasnormaleMaß gingen. Jene felsenfest ehrenvollen Männer
waren: General der Kavallerie Baron von Kummer, die Feldzeug-
meister Bendaund von Wikullilund General derInfanterievon Rohm,
alsErsatzmänner dieFeldzeugmeister vonFrank undvonBockenheim.
Da die Verhandlung trotz des Einspruches meines Verteidigers ge-
heim durchgeführt wurde, fungierten als Vertrauensmänner die von
mir hierzu gebetenen Herren: Feldzeugmeister Hoffmann ^'on Nagy
Sötetag, der bekannte Historiker Dr. Heinrich Friedjung und Advo-
kat Dr. Mataja (der nachmalige erste vStaatssekretär für innere Ver-
waltung in Deutschösterreich).
Was ich empfand, als ich im düstern Verhandlungssaal auf der
Anklagebank saß, ich, der auf dem Ministerfauteuil mit Ehren be-
standen hatte, kann ich mit Worten nicht schildern. Doch wie in
allen schwierigen Momenten meines vielbewegten Lebens, stellte sich
auch diesmal jene vollkommene Ruhe und Objektivität, jene klare,
fast greifbare Sachlichkeit ein, die mich alle Vorgänge völlig vom
vis-ä-vis-Standpunkte aus sehen und beurteilen ließ.
Bei Abwicklung der usuellen Formalitäten wurde von meinem Ver-
teidiger die Kompetenz des Militärgerichtes bestritten. Aus dem trif-
tigen Grunde, weil die Anklage sich auf ein angebliches Delikt bezog,
das ich während meiner Ministertätigkeit, und zwar in Ausübung
meiner ministeriellen Obliegenheit begangen haben sollte. Daher wäre
ich vor den Staatsgerichtshof zu stellen gewesen. Nach Zurückwei-
sung dieses Antrages begann die Verhandlung damit, daß man meine
einstige Korrespondenz mit Oberst Schwarz stückweise zur Verlesung
brachte, desgleichen— auf Antrag der Anklage— den Ministereid.
Die sublime Idee, den^ Ministereid zu verlesen, entsprang nicht dem
Kopfe des Anwaltes, sondern offenbar dem Haupte des Generals von
Marterer, der diesen Schlager später auch bei der ehrenrätlichen
Schlußverhandlung meinem Verteidiger Feldzeugmeister Otto Frank
in Vorschlag brachte. Zweifelsohne sollte es beide Male meiner ver-
meintlichen Verfehlung eine besondere Folie geben.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918