Page - 455 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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sicheres Urteil zu bilden. Er sagte, daß man den Angriff auf Frank-
reich in Erwägung gezogen hätte, davon aber abgekommen sei, da
hierdurch wahrscheinhch der Krieg einEndegenommen haben würde,
bevor Italien niedergerungen und bestraft gewesen wäre.
Wenn solche Idee tatsächlich bestand, so war sie jedenfalls eine
der schwerwiegendsten Mißgriffe, die in diesem Kriege begangen
wurden, denn: einer der großenEntscheidungsmomente des
Krieges war unbenutzt vorübergegangen!
Über einige Hauptmomente der eigenen Offensive gegen Italien
und der bald darauf einsetzenden russischen Gegenoffensive soll
später noch flüchtig gesprochen werden, während ich hier die Dar-
stellung meiner persönlichen Erlebnisse wieder aufnehme. —
Trotz aller Erfahrungen und Enttäuschungen hoffte ich, man
würde mir zum mindesten das freiwillig geben, worauf ich den recht-
lichen Anspruch hatte. Ich meine das mir gewaltsam abgenommene
kaiserliche Handschreiben vom 23. Aprü 1915, beinhaltend die Ver-
leihung der Baronie mit dem Prädikat von Komarow und im Zu-
sammenhang damit die mir zugebilligte Personalzulage von 8000 Kr.
Doch diese rechtliche, geradlinige Auffassung war eben nicht Sache
der obersten Ingerenzen, die mich jetzt mehr denn je am liebsten
ganz totgeschwiegen hätten.
Ich wartete bis Ende Jänner 1916. Dann richtete ich eine Ein-
gabe an den Generaladjutanten. Dessen Antwort war eine gewundene
Erklärung, darin er mir ein dilatorisches Vorgehen proponierte und
— gewissermaßen um mich in Respekt zu setzen— sub rosa auf
das Votum des Ehrenrates hinwies. Daraus ent\^dckelte sich eine
Korrespondenz, die sich stets verschärfte. Bei allen Gegenhieben
vermied es der Generaladjutant aber wohlweislich und sorgsamst,
meinen Rechtsstandpunkt irgendwie in Zweifel zu ziehen. Trotzdem
vergriff er sich am 18. Februar 1916 zu folgender Niederschrift:
,,. . . Aus Hochderen Schreiben vom 12. d. M. erfahre ich, daß
Euer Exzellenz meine Auffassung bezüglich dilatorischer Behand-
lung der in Rede stehenden Angelegenheit nicht teilen, dieser viel-
mehr Rechtsanschauungen bedeutender Rechtsgelehrter gegen-
überstehen. Diese können an Allerhöchster Stelle, wo standesgemäße
Auffassungen herrschen, im vorliegenden Falle nicht maßgebend
sein
. . ."
Das Frühjahr setzte 1916 vorzeitig ein, was die Ausfülurung der
Offensivpläne gegen Italien wesentlich begünstigte. Mitte Mai brach
der Angriff los, und zwar vom erstenMomente an mit vollem Erfolg
All die kriegerischen Erinnerungen der letzten Jahrhunderte, die
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918