Page - 464 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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verlohnt, auch mich mindestens persönlich zu Wort kommen zu
lassen. Dies geschah aber nie.
Die Krönungsfeierlichkeit wurde so oft beschrieben, daß ich eine
Schilderung hier unterlasse.
Ich hatte vom ungarischen Finanzministerium aus, wo auch die
ungarische Aristokratie, speziell die strahlenden und meist auch
schönen Magnatinnen versammelt waren, einen prächtigen Beob-
achtungsplatz. Trotz mancher Skepsis gegen derlei Schaustellungen
konnte ich mich einer gewissen Ergriffenheit nicht erwehren, als nach
dem Krönungseid die Unzahl der Anwesenden in das ,,Szozat" ein-
stimmte, das unter dem Donner der Geschütze intoniert wurde Eine
Zeremonie, die in gleicher Weise seit 900 Jahren stets wiederholt,
die Verbindung des Herrschers mit der Nation und dabei die gleich-
berechtigte Souveränität beider kündete. Der Schwur des ungari-
schen Königs involvierte auch immer eine Koordinierung der unga-
rischen Nation zur Königswürde. Dies durfte nie vergessen werden,
gleichwie, daß nach Ablegung des Königsschwures jedes staatsrecht-
liche Experiment, insoweit Ungarn hierdurch direkt oder indirekt
betroffen worden wäre, einfach ausgeschlossen war.
Als Gegenstück hierzu sei berichtet, daß in Österreich seitens des
jungen Kaisers das in den Verfassungsgesetzen begründete Gelöbnis
auf die Verfassung nicht abgelegt wurde, sondern, daß im Inaugu-
rationsmanifest die Völker gewissermaßen auf einen späteren Zeit-
moment vertröstet wurden. Daraus wäre zu schließen, daß wahr-
scheinlich Verfassungsänderungen geplant waren. Doch unter Vor-
aussetzung, daß solche nur auf gesetzmäßigem Wege zum Beschlüsse
imd zur Durchführung gelangen sollten, hätte dem auch das abge-
gebene Gelöbnis kein Hindernis bereitet. Daß es aber nicht abgelegt
wurde, erscheint mir als eine große politische Unklugheit. Schon des-
wegen, weil hierdurch den Völkern Österreichs wieder einmal ad
oculos demonstriert wurde, daß sie, respektive ihre Verfassung, doch
nicht als so ganz vollwertig angesehen wurden; mehr aber noch aus
dem Grunde, daß man hierdurch ein Band zu knüpfen unterließ, das
die Völker eben mitverbunden hätte.
Gewiß, in Österreich war dieErbfolge nachdem altmonarchistischen
Grundsatz: ,,le roi est mort, vive le roi!" zu beurteilen, undimGegen-
satz zu Ungarn war die Ausübung der Herrscherhoheit nicht an einen
Inauguraleid direkt gebunden. Doch ich glaube, daß es neben den
immatrikulierten Gesetzen doch noch so etwas wie ein ethisches Ge-
setz gibt. Für den denkenden österreichischen Staatsangehörigen
konnte es daher nicht ganz gleichgültig sein, wenn die Ausübung der
Herrscherrechte seitens des gemeinsamen Herrschers sich auch äußer-
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918