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daß ich mir meines Rechtes vollauf bewußt sei. Was der Minister
dann tatsächlich vortrug, istmir unbekannt. Als nach vierzehn Tagen
keine Antwort kam, ersuchte ich ihn schriftlich um Aufklärung und
wiederholte mein Recht in verbindlicher aber entschiedener Form.
Der Minister legte diesen an ihn gerichteten Brief dem Kaiser vor
und antwortete mir dann, daß ,,Seine Majestät nichts zu befinden
geruht habe". So wendete ich mich nun an den Kaiser selbst und
verfaßte eine Niederschrift, darin ich in gedrängter Kürze auf meine
Tätigkeit als Minister und Armeeführer hinwies, die vollkommene
Grundlosigkeit meiner Amovierung sachlich beleuchtete und die gegen
mich abgeführte Untersuchung darlegte. Auch alle sonstigen Vor-
kommnisse brachte ich zur Sprache, um dem jungen Monarchen
möglichst über alle iMomente Aufklärung zu geben, die ein Motiv
zu Klatsch und Verleumdung bilden konnten.
Es fanden sich drei hohe Persönlichkeiten, die die Vermittlerrolle
übernehmen wollten, ein Kirchenfürst, ein kaiserlicher Prinz und eine
Dame der Hocharistokratie, da der Brief auf legalem und normalem
Weg doch niemals in die Hände des Kaisers gelangt wäre. Alle diei
hohen Interpreten erfuhren aber die starrste und entschiedenste
Negation.
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten zäsarischer Auffassung und
daraus resultierenderWillensstarrheit, sich nichtüberzeugen zu wollen,
wenn dies den inneren Stimmungsmomenten nicht entspricht. Tritt
dann noch Mangel an Erfahrung, bedingt durch große Jugend, hinzu
und überdies ein Erziehungs- und Werdegang, wobei Äußerlichkeiten,
sowie stramme Präzision in kleinlichen Ausführungsdetails das meri-
torische Kernerfassen überwuchert hatten, so kommt es vor, daß an
momentanen Eingebungen leidenschaftlich festgehalten wird, um sich
der Gefahr zu entziehen, überlegen zu müssen und letzten Endes
vielleicht einem eigenen Erkenntnisfehler auf die Spur zu kommen.
Inzwischen erfolgte ein Revirement unter den Hochfunktionären.
Statt ^IonLenuo\-o kam Hohenlohe, statt Eanckoronski Berchtold,
an Stelle Dr. Koerbers Clam-Martinic^). Die Reihe der militärischen
1) Graf Clam-IMartinic leistete bis November 1917 Truppendienst in ganz
vorzüglicher \\^cise, dann wurde er Ackerbauniinister und wenige Wochen
darauf Ministerpräsident. Seiner PoHtik schwebte die Wiederherstellung ver-
fassungsmäßiger Zustände als leitendes Ideal vor. Doch wollte er vorher—
unter stillschweigender Zustimmung maßgebender Parteien—im Verordnungs-
wege die deutsche Staatssprache einführen, den deutsch-böhmischen Ausgleich
regeln und die Autonomie Galiziens, diese selbstgeschaffene stachelige Frage,
ordnen. Sogar die Geschäftsordnung des Parlaments sollte in dieser Weise
beiden Häusern zugestellt werden— wohl die tiefgreifendste Auswertung des
berühmten und berüchtigten § 14. Ein staatsrechtlicher Eingriff, der gewiß
vonden besten Intentionen begleitet war,um die pernitiösenFragensixmm.arisch
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918