Page - 474 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Ich wiederhole, daß dies vor dem Eintritt der Katastrophe unserer
Monarchie geschrieben und veröffentHcht wurde.
Der Eindruck, den die russischen Ereignisse hervorriefen, war auf
der ganzenWelt einaußerordentlich mächtiger, und plötzlich war das
Sclilagwort ,,Demokratisierung" in allerMund. Die wenigsten wußten
eigentlich so recht, wie dieser Gedanke sich in dieTatumsetzen sollte,
undman war sich nicht klar über die Wege, die dahin führen könnten.
Hierdurch ergriff auch bei uns die obersten Kreise eine große Be-
klemmung, und diefortgeschrittenstenTräger des demokratischen Ge-
dankens bekamen jetzt die Oberhand. Deren Wortführer, die Ab-
geordneten Pernerstorffer^), Renner, Ellbogen, Seitz, Leuthner,
Glöckl usw. entwickelten eine heftige Friedenspropaganda, die sogar
halboffiziell anerkannt wurde, und monatelang lag die Vertretung
unserer äußeren Interessen in stillschweigender Abmachung zu gutem
Teil in ihrer Hand. Einige Zeit hatte es auch wirklich den Anschein,
als ob auf einer Stockholmer Konferenz alle Führer der sozialistischen
Parteien einen Friedensschluß oder zum mindesten eine wesentliche
Friedensannäherung zustande bringen würden. Damals fühlten sich
die Sozialisten als führender und bestimmender Faktor und gewannen
— speziell in den Mittelstaaten— eine Autorität, die zur Quelle jener
Macht wurde, die sie sich in den späteren Stadien des Krieges an-
eigneten. Zur Konferenz kam es aber damals nicht. Das heißt, sie
blieb ein Rumpf, weil sich die Vertreter der Ententestaaten gar nicht
beteiligten, und über allgemeineDissertationen, überVerständigungs-
und Versöhnungsfrieden, als dessen Antipoden der Sieg- und Schwert-
frieden entgegengestellt wurde, kam man nicht hinaus. Das natio-
nale und staatliche Gefühl war bei den Sozialdemokraten mit Aus-
nahme jener in Österreich zu stark entwickelt, um die ungeheuere
Diskrepanz dergegenseitigenKriegs-undFriedensziele zuüberbrücken.
Das Schicksal der einst mit so großen Worten angekündigten 2. Inter-
nationale war damit schon damals entschieden, wenn der formale Zu-
sammenbruch auch erst 1920 erfolgte.—
All die gewaltigen Ereignisse, die die Welt im I^aufe des zweiten
Teiles des fürchterlichen Dezenniums 191G—1920 durchtobten, ge-
1) Mit Pernerstorffer, dem Senior der österreichischen Sozialdemokratie,
war ich im April 1917 durch einen Briefwechsel anläßlich einer von ihm ver-
faßten Satzschrift bekannt geworden. Ich besuchte den greisen Politiker
wiederholt und fand an ihm einen außerordentlich ruhig denkenden, nichts
weniger als revolutionär angehauchten Mann. Mit großer Entschiedenlieit
brachte er seine deutsche, stramm fortschrittliche Gesinnung zur Geltung.
Über die Friedensziele dachte er höchst objektiv imd durchaus nicht weich.
Sowar er beispielsweise derAnschauung, daß Belgradmiteinementsprechenden
Anterrain behalten werden solle. Wenige jNIonate später wurde dieser in seiner
Art ausgezeichnete Mann zu Grabe getragen.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918