Page - 480 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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höchst bedrohlich erschienenen Krawalle inWienund anderen Städten
Österreichs, der sich breit präsentierende, von imperialistischen Aspi-
rationen durchsetzte Egoismus Ungarns, die die Weltrevolution an-
strebende, durch Tücke verschärfte Verhandlungsweise der russischen
Vertreter, die Eroberungssucht Bulgariens, dies und vieles andere
schufen ein Resultat, das zwar keinemSieg-, noch weniger aber einem
Verständigungsfrieden gleichkamund dann durch die Ereignisse völlig
weggeschwemmt wurde.
Darüber zu schreiben ist wohl hier nicht der Platz, Eine generelle
Skizze hierüber findet sich in Czernins Werke ,,Im Weltkriege".
Meine Anschauungen über das System der Friedensverhandlungen,
wie ich sie auch in jener Zeit einem einst vielgenannten Diplomaten
darlegte, lassen sich in folgendem zusammenfassen. Ich sagte: Die
Mittelmächte sollten den Frieden nach dem gleichen Grundsatz wie
den Krieg führen, nach dem— der Verteidigung. Es sollten ihnen
daher keine aggressiven, keine Eroberungsziele vorschweben, weil es
solche für sie eigentlich auch gar nicht gibt. Schon Bismarck be-
zeichnete sie ,,als saturierte Staaten". Man muß mit der Tatsache
rechnen, daß nach Eintritt Nordamerikas in den Krieg die Kraft-
komponenten fast wie i : lo stehen, wobei die Untersuchung müßig
wäre, ob dies so kommen mußte. Unter diesen Umständen be-
deutet aber für die Mittelmächte eine partie remise schon den
größten moralischen Triumph, der sich gewiß selbst ohne Annexionen
und sonstige Zwangsmaßregeln auch wirtschaftlich geltend machen
würde, weil erhöhtes politisches Prestige stets auch den wirtschaft-
lichen Aufschwung nach sich zieht. Es klingt vielleicht banal, dürfte
aber doch ein richtiges Vergleichsbild bringen, wenn ich sage, daß
zwei Wanderer, die im Walde von einer Überzahl überfallen werden,
auch nicht an Beute, sondern nur an das Zurückwerfen oder Nieder-
schlagen ihrer Gegner denken können und in der Tatsache des Ge-
lingens den einzigen, doch auch größtmöglichen Erfolg erblicken
müssen. Gerade die ersten Friedensschlüsse müssen den besiegten
Feinden möglichst leicht gemacht werden, denn dieses Beispiel zöge
dann wahrscheinlich; die ,,strafende Gerechtigkeit" aber möge man
dem Herrgott überlassen.—
Noch zweier politischer Vorkommnisse jener Zeit sei hier gedacht.
Eines militärischen Kronrates und der letzten Delegationssession im
sterbenden Staate.
Jener Kronrat— er fandamTage der Delegationseröffnung statt—
hätte in seinen Folgen von tiefgehendster Bedeutung sein können,
wenn dann der Umsturz nicht ohnedies alle Pläne und Beschlüsse
weggefegt hätte. Es wurde dabei nämlich die vollständige Teilung
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918