Page - 510 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
Image of the Page - 510 -
Text of the Page - 510 -
der neun Nationen, das überstrahlt war durch ein heißes Empfinden
für Österreich-Ungarn, das wieder gekrönt wurde durch eine wahr-
haft religiöse Verehrung für den Träger der Krone als obersten
Kriegsherrn.
Man mag es einen Denkfehler nennen, daß der österreichische Offi-
zierSymbol— Monarch— und Wesen— Staat— verwechselteund
dem ersteren jene tiefgefühlte Weihe widmete, die nur letzterem ge-
bührte. Doch man bedenke, daß just dieser Denkfehler durch mehr-
hundertjährige Erziehung großgezogen wurde, ja sogar einen Teil der
Staatsidee bildete. Und schließlich ist ja die ethische Grundlage
dieser lyehenstreue um nichts geringer zu werten, als jede andere
Treue, die bis zum Tode.hält. Es ist bezeichnend, daß der Wahl-
spruch der so ganz spezifisch altösterreichischen Militäranstalt, der
Theresianischen Neustädter Akademie, eben ,,Treu bis in den Tod"
lautete. Treu vor allem jener eigenartigen, auf Pflichtgefühl auf-
gebauten Heeresideologie, die in dieser militärischen Pflanzstätte
einen ihrer festesten Anker besaß.
Diese Treue wurde aber wenig belohnt. Wo immer der Offizier
hinkam, blieb er ein Fremdling im eigenen Land und fand meist nur
eine kühle, frostige Aufnahme, ja häufig eine direkt feindselige Stim-
mung und nur ab und zu ein herzliches Entgegenkommen. Darin
machte keine der Nationen des alten Reiches eine Ausnahme, Auch
die Deutschen nicht, obwohl fast drei Viertel des Offizierkorps deut-
schen Stämmen entsprossen. Alle nichtdeutschen Nationen wollten
in ihm nur den Unterdrücker und Germanisator sehen, wofür just
der Offizier so gar keine Veranlagung besaß. Denn bei all seinem
warmen Empfinden für Vaterland und Heimat war und blieb der
österreichische Offizier anational. So erklärte sich's auch, daß in
diesem von politischen Strömungen und Gegenströmungen wahrhaft
durchsetzten Reiche der Offizier und hierdurch die Armee bis zum
letzten Ende unpolitisch blieben. Es streift dies beinahe an ein
Wunder, war aber für den Staat, in seiner polyglotten Zusammen-
setzung, namentlich aber für die Dynastie, ein wahres Glück, ja die
mächtigste Wurzel des Bestandes, Darumnahmman auch denNach-
teil gern in Kauf, daß der Offizier, auch der höhere, den politischen
Geschehnissen weltfremd gegenüberstand.
Stets karg besoldet, und— von wenigen Kavallerieregimentern
abgesehen— den minder oder gar nicht bemittelten Ständen ent-
stammend, also von den gedeckten Tischen des Lebens meist recht
weit abstehend, führten die Offiziere, vor allem in den vielen ent-
legenen Grenzstationen, ein höchst bescheidenes, zurückgezogenes
Leben, das vornehmlich nur nach des Dienstes ewig gleichgestellter
510
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918