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Museumsausstellung […]denOpfernzuwidmen“, sodieTageszeitungVjesnik.
(7.3.2004)ÜberdenKöpfenderBesucherInnenhängen indemRaummitdurch-
gehend schwarzen, labyrinthartigen, teils schrägenWänden 277 Glastafelnmit
denNamen der Opfer inweißer Schrift vor dunklemHintergrund,84 zahlreiche
vondenHäftlingenproduzierte Gegenstände sind in frei imRaumstehenden
oder indenWändeneingelassenenSchaukästenausgestellt,FotosundVideos
der Opfer dominieren die Ausstellung. Die nun nach ‚Europa‘ ausgerichtete
HDZwollte offensichtlichmit einerneuen Jasenovac-Ausstellungein internatio-
nalesSignalsetzen.WiedersindderdunkleRaum(Kalčić2007)sowiederstarke
Fokus auf die individuellenOpfer, ihreNamen, geschriebenenwieVideo-Zeug-
nisseundGegenständeReferenzenauf ‚westliche‘Vorbilder. Vonden 221 Foto-
grafien imMuseumsguidesindbeiweitemdiemeistenPorträtsderOpferausder
Zeit vor oderwährend des Krieges, die durchNamen undKurzbiographien er-
gänztwerden.DieswecktEmpathiemitdenOpfern,etwawennmanimmerwie-
der hofft, aus den Biographien dieses einen jüdischen Paares, des serbischen
Mädchens oder der Partisanenkämpferinwerde hervorgehen, dass sie überlebt
haben.Die IndividualisierungderOpfererweist sichalsoalseinstarkesWerk-
zeugderMusealisierungunddesGedenkens.
Die Gedenkstätte verfügt noch über einweiteres starkesMittel gegen die
jahrzehntelangeManipulation der Opferzahlen imDienste des vor allem ser-
bisch-kroatischen ‚Krieges umdie Erinnerung‘: das Projekt der namentlichen
Identifizierung der Opfer. Diese 83.145 namentlich bekannten Opfer werden
etwa auf den Computerarbeitsplätzen in der Ausstellung oder auf der Mu-
seumswebseite aufgeschlüsselt nachNationalität,Männern, FrauenundKin-
dern sowie Todesjahr. Während das slowakische Museum diese Metaebene
desUmgangsmitderVergangenheitnachderWendeundUnabhängigkeitdes
Landesnicht thematisiert,behandeltdieJasenovac-Ausstellungdie„zahlreichen
Debattenmit diametral entgegengesetztenPositionen“ganz explizit. In Jugos-
lawienhabemanvor1990offiziellbehauptet, in Jasenovacseien700.000Men-
schen ermordet worden, während im unabhängigen Kroatien die Zahl auf
30–40.000reduziertwordensei, sodieAusstellungstafel.
DochauchimkroatischenFallbirgtdieBemühungumdenBeweisdesEuro-
päischseins imZugederBeitrittsbemühungendurchdieÜbernahme ‚westlicher‘
Musealisierungstrends Probleme: Täterwerden in Jasenovacnur amRande the-
matisiert, Täterinnenwie etwaAufseherinnendesFrauen- undKinderlagers gar
84 Damit stehenGedenkenundInformationüberhistorischeFaktenunmittelbarnebeneinan-
der,währenddiemeistenanderenGedenkmuseen, auch jene in situwie etwaTheresienstadt,
diesebeidenElementeräumlichvoneinander trennen.
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 109
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918