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nicht umhinkann, festzustellen – schiefgegangenen Versuch des ‚Näherbrin-
gens‘vonRomnjaundRoma,diealsvon ‚uns‘unterschiedene ‚Andere‘gedacht
undvisuelldargestelltwerden.
Während ferner die Kapitel über die anderen Opfergruppen vonWissen-
schaftlern,dieselbstSerbe, JuderespektiveKroatesind,verfasstwurden,schrieb
eineNicht-Romnja über die Roma-Opfer. Die anderenKapitel enthalten zahlrei-
che Zeugnisse derÜberlebenden, Tagebucheinträge undZeugenaussagen, doch
inBezugaufdieRomaheißtes:„DieBerichtederwenigenÜberlebendensindso
drastisch, dasswir sie alswahrund authentisch akzeptieren könnenoder auch
nicht.“ (Lengel-Krizman2006, 170)DieAutorin entscheidet sich inderFolgeda-
gegenund somit fehlennicht nur Privatfotografien, sondern auchRomnja- und
Roma-Stimmengänzlich indemKapitel.DiesesVorgehenwirdnichteinmaldurch
einenVerweisaufdievielleichtunzulänglicheQuellenlageunddie Instrumentali-
sierungderÜberlebendenimsozialistischenJugoslawienzubegründenversucht.
Lengel-Krizman (2006, 164) kommt einmal auf dieFrage vonWiderstandzu
sprechen:„Afterabout tendays in theseconditions,mostof the inmateswereso
physicallyandmentallydebilitated that theyhadnothoughtsoforganisedresis-
tance.“AlsEmpathieweckendeStelle findetsichamehestendieseüberein
terriblymoving concert which the Roma put on for their own people and the other in-
mates […] at a timewhen themurderof their fellowswas reaching its culmination.There
were just a few terrified groups of Roma left in the camp, among thema singing group
andsomemusicians […]. Thenext day theywere ledaway toGradinaandkilled, though
the soundof their singing echoed in the ears of the remaining Jasenovac prisoners for a
longtime, likeafuneralmarchforall thevictimsof the„mindlessUstashaterror“.
(Lengel-Krizman2006,166)
Es istwohlkeinZufall, dassdie einzigeemotionaleTextpassage ‚Roma-Musikern‘
gewidmet ist, die in Jugoslawienwie impost-jugoslawischenRaummehrheitlich
geschätztwurdenundwerden,was sichals philoziganistischer Teil desAntiziga-
nismusbegreifen lässt, aberRomnjaundRomawieder als exotische ‚Andere‘be-
greift. Außerhalb des Roma-Kapitels werden diese nur an einer einzigen Stelle
erwähnt, wenn es heißt: „the Romawere virtually eliminated.“ (Jakovina 2006,
30)Wasdamit fehlt, ist die einmaligeTatsache,dass sichbosnischeBehördener-
folgreich für die Rettungmuslimischer Romnja und Roma eingesetzt haben, die
somit imGegensatz zudenChristInnen invielenFällenverschontwurden. (Bion-
dich 2002, 37) Erklärt werden kann das vermutlich am besten damit, dass Bos-
nien-Herzegowina 1941 dem ,Unabhängigen Staat Kroatien‘ einverleibt worden
war undman die bosnischen Behörden günstig stimmenwollte, da die Ustaša
kaumPersonal hatten, um gegenWiderstände aus Sarajevo vorzugehen. Diese
wichtigehistorischeBesonderheit fehlt hier also ebensowie individualisierende
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 137
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918