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Romaaswell. […] Gypsies diedby the thousand in that camp, too.“ [Hervorhe-
bungen von L. R.]Weder die abwechselnde Verwendung der Begriffe „Roma“
und„Zigeuner“nochdieFragewerden imMuseumthematisiert, obdieTatsa-
che, dass dieVerfolgungvonRomnjaundRoma in einemHolocaust-Museum
behandelt wird, auch heißen soll, dass von einem „Roma-Holocaust“ ausge-
gangen wird. Bei der öffentlichen Diskussion des Ausstellungskonzepts im
VorfeldderEröffnungwarbereits gefordertworden,dassder „Roma-Holocaust“
entweder umfassender behandelt oder ganz weggelassen werde (Molnár 2012),
dochderCharaktereinerHinzufügungistgeblieben.
DieDiskrepanz zwischender empathischenDarstellungder jüdischenOpfer
und der Distanz zum anderen ‚Gegenstand‘ kommt am stärksten in folgenden
Aussagenüber ‚dieseLeute‘zumAusdruck:„Itwasthesepeople that theauthori-
tieskept trying tosettleordrive to the territoryofneighboringcountries. […] The
job of the authorities was notmade easier by the fact that the lawnever de-
finedwhowas tobe regardedas aGypsy“, heißt es auf derAusstellungstafel.
Reaktionen auf die Verfolgung von Jüdinnen und Juden werden unter der
Überschrift „Responses of Gentiles“, also von Nichtjuden, verhandelt, Reak-
tionenaufdenMordandenRomnjaundRomafehlen jedoch.
Zumanderenwird imMuseumsguidedas„Schicksal“derRomnjaundRoma
in eigenständigenUnterkapiteln behandelt, sodass es imUnterkapitel über das
Leben inAuschwitznurumdie jüdischenHäftlingegeht,währenddieMassaker
andenRomnja undRoma später gesondert behandeltwerden. Auf dieseWeise
wird erst in diesem Roma-Kapitel implizit klar, wie eng die Schicksale von
RomnjaundRomaundderungarischen Jüdinnenund Judenmiteinanderver-
knüpftwaren. Das ‚Zigeunerlager‘ in Birkenauhätte imSommer 1944 inVor-
bereitungaufdieMassendeportationderungarischen JüdinnenundJudenam
Tag des ersten Transports aus Ungarn liquidiert werden sollen. Die Romnja
undRomawehrtensich,wurdenaberdennocham2.August ermordet,wie im
Guideausgeführtwird. (Karsai,KádàrundVági2006,53)
DieVerflochtenheit derGeschichtenderbeidenGruppen flackert sonuran
einzelnen Stellen auf, etwa wenn es in der Ausstellung heißt, dass in Polen
sesshafte Romnja undRoma in jüdischeGhettos deportiert und später zusam-
menmit denWarschauer Jüdinnen und Juden in Treblinka ermordet wurden.
AnzweiStellenwirdexplizitdasLeidenbeiderGruppenzusammengeschildert,
obwohl der ‚Auch Roma‘-Charakter der Formulierungen hier ebenfalls auffällt:
„RomaimprisonedinKomárom,whichfunctionedasthelargestcollectingcamp,
hadtoundergoordealsverymuchlikethosesufferedbytheJewishvictimsof the
summerdeportations: theirprovisionwaspoor, theyoftenhadno latrinesatall,
and their captors beat them“ und „EINSATZGRUPPEN following the advancing
GermanarmyinSoviet territoryoftenmassacredGypsiesalongwithJews.“
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 139
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918