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imehemaligenStammlagerAuschwitz angesiedelteAusstellungüberdieVer-
brechen an Sinti undRomawurde vomDokumentations- undKulturzentrum
Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg erarbeitet und am 2. August 2001
eröffnet.
Stereotype Darstellungen werden hier explizit als Problem benannt, etwa
wenn es imKatalogheißt: „Die differenzierte Lebenswirklichkeit der Sinti und
Roma in ihren jeweiligen Heimatländernmuss von den weitverbreiteten Vor-
stellungenundKlischeesüber ‚Zigeuner‘grundsätzlichunterschiedenwerden.“
(Rose 2010, 12) Diese Ausstellung zeigt zwar ebenfalls Fotos von Romnja und
RomaalsMusikerInnen, inkludiertwurdenbewusstaberauchklischeefreie, so-
zusagen ‚neutrale‘PrivataufnahmenausderVorkriegszeit, aber auchunerwar-
tete, stereotypes Denken in Frage stellende Aufnahmen, etwa von Sinti und
RomaalsBox-MeisteroderOffiziere imErstenWeltkrieg.
Einen Großteil der Ausstellung füllt der Gedenkraummit den Namen der
Opferals starkes individualisierendesElement,dasdurcheineVielzahlvonPri-
vataufnahmen und Kurzbiographien vervollständigt wird. Die Ausstellung ist
zueinemgroßenTeilnachLänderngegliedertundhierbei istauffällig,dassaus
einigenwenigenLändernkeinenamentlichzugeordnetenundgenau lokalisier-
ten Privataufnahmen zugänglich waren. Aus Rumänien fehlen jegliche Fotos
vonOpfern, jene ausUngarn stammenaus demEthnographischenMuseum in
Budapestundkonntenaufgrund fehlender Informationennichtnamentlichzu-
geordnetwerden–was zueinemgewissenTeil aucheineErklärung fürdie feh-
lende Individualisierung imHDKEliefert,wennauchnichtbeiSettelaSteinbach.
Nur ineinemFall findetsichbeidenausUngarnstammendenFotoseineOrtsan-
gabe: „musizierendeRoma-Kinder inBudapest“ (Rose 2010, 202).Wenigstens
zeitlich können diemeisten dieser Fotografien aber verortet werden, und es
sindvielfachPrivataufnahmen,etwaeinesHochzeitspaaresodereinFamilienport-
rät,nichtbloßRomabeiderAusübungeinesHandwerksoderbeimMusikmachen.
InderAusstellungüberwiegenbeiweitemabernamentlichzugeordnetePri-
vataufnahmenundPorträts„westlicher“SintizeundSintiwieRomnjaundRoma
aus Ost- und Südosteuropa. Neben ganz „gewöhnlichen“ Schicksalen werden
auchKünstlerInnenwieBronisławaWajs vorgestellt, vonder „eines der bedeu-
tendsten literarischen Zeugnisse polnischer Roma“ stammt, die autobiographi-
sche Ballade „Blutige Tränen“, in der sie schildert, „wie sich die Familie auf
ständiger Flucht vor den deutschen Mordkommandos in denWäldern Wolhy-
niensverbarg.“ (Rose2010,140)DasGedichtundeinePrivataufnahmederKünst-
lerin verdeutlichen den Kontrast zwischen anonymen Fotos von im Schmutz
sitzendenhalbbekleidetenMenschen ‚irgendwo‘undeinemindividualisieren-
denZugang.
142 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918