Page - 152 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
Image of the Page - 152 -
Text of the Page - 152 -
alsAufstandshelferin (auch inderAusstellung), einmal als „Freiheitskämpferin-
nen“mit Gewehren (in der Ausstellung drei Mal), einmal eine Partisanin, die
einenOrden erhält (auch in der Ausstellung). Auf einemFoto des sowjetischen
AbhördiensteswirdaucheineFraualsTäteringezeigt. InderAusstellungwerden
FrauenfernerzweiMalalsKrankenschwestern imWiderstandvorgestellt. ImAb-
schnittüberdenunbewaffnetenWiderstandüberwiegenFotosvonheldenhaften
Frauen, so auch jenes vonMonika P.-T., einer Kurierin, die sich bei ihrer Fest-
nahme 1951 zuerschießenversuchthatteundauchnachher ihremVorsatz, sich
nicht zuergeben treublieb,weshalb sie imKrankenhausQuecksilberauseinem
Thermometer schluckteundsoSelbstmordbeging.Das ‚traditionelle‘Opfer-und
Heldennarrativ dieses litauischenMuseums umfasst also auch ‚fortschrittliche‘
FrauenalsHeldinnen,nichtnurpassiveTrauernde.DemvisuellenMaterial zum
TrotzbleibtderAusdruck ‚Waldbrüder‘einmännlicher.
Soviel dazu,wasdasMuseumundderGuide zumGegenstandhaben.Nun
zudem,wasdarin offenkundig fehlt: AuchwennderNameMuseumderGeno-
zidopfer einenWissenschaftler (Duffy 2007, 118) zu der fälschlichen Annahme
verleitete,eshandlesichumeinHolocaust-Museum,sindmitdemBegriff ‚Geno-
zid‘hierausschließlichdieOpferderbeidensowjetischenBesatzungen,alsoder
„physicalandspiritualgenocideagainst theLithuanianpeople“gemeint,wiees
imGuideheißt. (RudienėundJuozevičiūtė2006a,3)DieNS-Besatzungzwischen
1941 und 1944, in der dasGebäude ebenfalls als Foltergefängnis gedient hatte,
wurde schlicht ausgelassen,111 obwohl in manchen Zellen im Keller deutliche
SpurenvonGestapo-Häftlingenzusehenwaren,zumBeispieleingeritzteNamen
undJahreszahlenpolnischerHäftlingeaus1943. (Radonić2018c,519)
DieMehrschichtigkeit des historischen Ortes wird nur durch ein bemerkenswertes Detail
preisgegeben:Durchdiebewusst freigelegtenFarbschichtenderGefängniswändewirddas
111 So ist es auchnur folgerichtig, dassunter den 378 visuellenElementen imGuide (Rudienė
und Juozevičiūtė 2006a) alle 13 Fotografien von Tätern sowjetische Täter und ihre litauischen
Kollaborateurezeigen:Stalin;dieVolksregierungvon1940; jenenInnenminister,derdieEinver-
leibung in die Sowjetunion unterschrieben hat; NKWD-Offiziere; Agenten des KGB-Vorläufers
MVDoder den stellvertretendenMinister für Staatssicherheit derUdSSR, der fürDeportationen
imMai 1948 verantwortlichwar–bis auf eineAbhörspezialistin nurMänner. Die einzigeAus-
nahmeist einFotovonStalinundRibbentropanlässlichdesHitler-Stalin-Pakts,einFoto,das in
keinemder baltischenMuseen fehlt. Von den zwölf Porträts vonOpfern (der Sowjetbehörden)
zeigen vier führende litauische Politiker der Zwischenkriegszeit und eines den ehemaligenBe-
fehlshaber der litauischen Armee. Sieben Aufnahmen zeigen Gulag-Häftlinge, darunter eine
Frau,diealspolitischerHäftlingvorgestelltwird,sowiezweiAnführervonLageraufständen.An-
tisowjetischePartisanInnen sindauf zehnFotos zusehen, drei davonzeigen ‚gewöhnliche‘Wi-
derstandskämpferInnen,alsoeineBotin,einenKaplanundeinenPartisanInnenunterstützermit
einergeheimenDruckerei imHaus,dieanderenbekannte,alsHeldendargestellteKämpfer.
152 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918