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habe lautDirektorHeikiAhonenwenigerOpfer verursachtundseidurcheinen
geringeren Grad an Repression gekennzeichnet gewesen. (Ahonen 2005, 110)
„War brought hope for re-establishment of the old life, a kind of double rule
withGermans as thegents of the country andparticipationof theEstonians in
the fights.“ (Ahonen 2008, 237) Die Ausstellung verortet das Problem bei der
erstensowjetischenOkkupationdarin,dass„manyvictimswereclaimedby the
RedYear that followed“. Bei der NS-Besatzung hingegenwar das Problemvor
allem„theongoingwar,alongwith thedanger thatSovietoccupationwouldbe
reimposed. In termsof thenumber of lives lost and the intensity of oppression
sufferedby thepeople, theGermanoccupationwasnotactuallyasharshas the
previous and subsequent Soviet occupations.“ In derAusstellungwirdderHo-
locaust nur amRande erwähnt und trotz des Fokus desMuseums auf Objekte
findetsichkeineinziges inZusammenhangmit jüdischenOpfern.DirektorAho-
nenbeschreibt das Jahr der ersten sowjetischenBesatzungals „totaleVernich-
tungderbisherigenLebensweise“. (Ahonen2008,237)
DasMuseumorientiert sichdabeiamMuseumdesdänischenWiderstandes
in Kopenhagen, das, so der Direktor, „im Gegensatz zu so genannten Holo-
caust-Museen […] voll Licht und Farbe unddarüber hinaus geräumig [ist]. Die
Holocaust-Museen,die ichbesuchthatte,warendagegeneherdunkel,getragen
undvermitteltendasGefühlvonUnbehaglichkeit.“ (Ahonen2005, 107; vgl.Ra-
donić2014b,102)Sieseien
almost church-like. InHolocaust-museums, youare toldnot to speak loudly, have tobe-
have,but thechurchatmospheredoesnot support learning.Youare justmade toact ina
certainway. You are dragged into some kind of environmentwhere there should be no
doubts. It’sall set. (Ahonenzit.n.Mark2008,351)
DieMuseen dieser Gruppe bestätigen also auf die eine oder andereWeise, wie
universalisiertdieHolocaust-ErinnerungalsMaßstab ist, andemmansichabar-
beiten zumüssenglaubt, entweder, indemmandieÄsthetik vonHolocaust-Mu-
seenzumTeilübernimmt,wie später amBeispieldesHausesdesTerrorsgezeigt
wird, oder indemman sich explizit dagegen entscheidet. Ahonen lehnt den Im-
port ‚westlicher‘Repräsentationsformenab, dadiese für denestnischenKontext
weniger relevantseienals fürandereTeileEuropas.Manmüssevielmehrdemin-
ternationalenPublikumdieSpezifikderestnischenErfahrungaufzeigen,dieden
Holocaustnicht indenVordergrundstellenmüsse.AufdieFrageangesprochen,
wasdasMuseumüberdenHolocaustzeige,antworteter:„Estonianeverhada
aufRepression,nurdiePunkte„1941:Aug.22Germanoccupation. 1943:Nov. 28–Dec1Teheran
Conference. 1944: Feb. 2RedArmycrossesNarvaRiver, enteringEstoniaagain.March9Carpet
BombingofTallinn“.
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Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918