Page - 168 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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endlicherreichteZielpräsentiertwerdenkann–dasGegenteileiner ‚AnrufungEu-
ropas‘ imobenbeschriebenenSinn.
Dabei fand die Entwicklung des Ausstellungskonzepts keineswegs ohne
internationaleKontakte statt,wie die 1999 abgehalteneKonferenzThe Inheri-
tance of the Past zeigt, die die Kistler-Ritso-Stiftung in Kooperationmit dem
Goethe-Institut,demInformationsbürodesLandesMecklenburg-Vorpommern
beiderEuropäischenUnionunddemEstnischenStaatsarchivorganisierteundbei
der JoachimGauck, damals Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssi-
cherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik als Gast-
redner fungierte. (MuseumofOccupationso. J.b)
Velmet (2011, 201) hat inBezug auf dieAusstellungherausgearbeitet, dass
dieMotive, aus denenEsten der sowjetischenArmee oder derWehrmacht bei-
traten,einedifferenzierendeundausgeklügelte Interpretation ihrerpsychologi-
schenProfile erfahren. So sagt ein Zeitzeuge imVideo: „Of course youwanted
toenlist, youwould’vebeendead if youhadcontinued living in theconditions
they had us in.“ ImGegensatz dazuwerden die Feinde in der Geschichte, die
Sowjets, ohne jegliche Differenzierung als ‚das Böse‘ schlechthin dargestellt,
alsVandalen,bolschewistischeMörderundFolterer,beidenenesvölligundenk-
barwäre,nachprivatenoderpolitischenMotivenzufragen.118Diesistausmehre-
ren Gründen bemerkenswert:Wenn die NS-Zeit – aus der Sicht der estnischen
Mehrheitsbevölkerung– als ganz inOrdnungdargestelltwird, dannmacht dies
unverständlich, warumman sich demantifaschistischen Kampf hätte anschlie-
ßenundsomit inder zweiten sowjetischenBesatzungdieRettungvordenRe-
pressionen sehen können. Auch warum Opfer rassischer Verfolgung in den
Sowjets Befreier sehen konnten, wird angesichts der Aussparung des Holo-
caust und des Genozids an denRomnja undRoma verschleiert. Und schließ-
lich ist die undifferenzierte Schwarz-Weiß-Darstellung ‚der Sowjets‘ als ‚dem
mordendenBösen‘nicht geeignet, die 25Prozent russischsprachiger Bevölke-
rung im eigenen Land zu inkludieren. Diese bleibt somit doppelt marginali-
siert: durch den estnischen Mehrheitsdiskurs im eigenen Land ebenso wie
durchdie InstrumentalisierungderGeschichte inRussland. (Lehti, Jutila und
Jokisipilä 2008, 409)119 Als imApril 2007 nach der Verlegung der Statue des
118 EineAusnahmevondieserRegel findet sich gleich zuBeginndesdrittenVideosüberdie
Stalin-Ära. Hier kommt der 1926 geborene estnische antisowjetische Partisan Kaljo Randmäe
zuWort:MancheRussenseienaufderSeitederPartisanengewesen,sohabesieeinerussische
FamilieaufdemLandaufgenommen.„Theydidnot likeCommunism.TheRussiannationality
wasn’tbad,but thegovernmentwas.“
119 Auch indenGeschichte-Lehrplänen liegtderFokusdeutlichaufEstlandundEuropa,was
für LehrerInnen in russischsprachigen Schulen ein Problem aufwirft, die stärker auch russi-
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Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918