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serwiederholte Einsatz desBegriffs ‚Holocaust‘ immer dort,woandere verant-
wortlichgemachtund/oderLettInnenentlastetwerdensollen:
ImRahmenihresKampfesgegenden ‚bourgeoisenNationalismus‘ inLettlandstartetedie
Sowjetmacht inden sechziger JahreneineKampagne, diedarauf abzielte, dienationalen
Bestrebungen der Letten mit der Ideologie der Nationalsozialisten gleichzusetzen und
ihnenGewaltverbrechenunddenHolocaustanzulasten. (Nollendorfs2010, 117)
Derartige Behauptungen hätten dann „ungeprüft in die westliche Fachliteratur
Einzug gehaltenundprägen imWesten bis heute negativ undvorurteilsvoll die
politischeunddieöffentlicheMeinungüberdieRollederLettenbeimHolocaust
undanderenNaziverbrechen.“ (Nollendorfs 2010, 118)ZurBeschreibungdeshis-
torischenMassenmords imZweitenWeltkriegwerdenhingegenstatt ‚Holocaust‘
Begriffewie„Judenvernichtungsaktionen“,„VernichtungsaktionenjüdischerEin-
wohner“ (Nollendorfs 2010, 53) oder„VernichtungsaktionendesRigaerGhettos“
(Nollendorfs 2010, 54) verwendet. (Radonić 2018c, 518) Imälteren, englischspra-
chigenGuide (Nollendorfs 2008)wirdhingegenderBegriffHolocaust durchgän-
gigwieselbstverständlichverwendet.
DieKuratorInnenschriebenbereitsselbstvorvielenJahren,dass imMuseum
dieKollaborationundderHolocaustzuwenigbehandeltwerdenunddassdies in
derneuenAusstellung,wennderweißeMuseumsanbau fertigwird, anders sein
soll. (MichelundNollendorfs2005,122;Nollendorfs2008a,282;Nollendorfs2011)
Bereits heute bricht diemuseumspädagogische Abteilung am stärkstenmit Op-
fergeschichteundbetontMultiperspektivität:SchulklassensollendiePerspektive
vonLeidtragendenundProfiteurInneneinnehmen.DieBildungsbeauftragteGun-
dare (2002, 27) fordert:„TheMuseumof theOccupationshouldapproachabroa-
der range of issues regarding the Soviet regime (beyond the limits of Stalinism
anditscrimes)aswellasuneasyhistorical issuessuchascollaboration.“
„ContainingNazism“, die Eindämmungder bedrohlichenHolocaust-Erinne-
rung funktioniert in allen drei baltischenMuseen graduell unterschiedlich: Das
litauische Museum der Genozidopfer ließ die NS-Zeit und den Holocaust ganz
weg, das estnischeMuseumderOkkupationen stellte die estnischenBemühun-
gen indenVordergrund,amNationalsozialismusvollwertigpartizipierenzukön-
nen und erwähnte den Holocaust nur am Rande, vor allem jene 15.000 nach
Estlanddeportierten Jüdinnenund Juden fehltengänzlich.DasMuseumderOk-
kupation Lettlands hingegengeht bei der InklusionderNS-Zeit sowiedemThe-
matisieren offener Fragenauf der Textebene amweitesten.Umsomehr fällt der
KontrastzwischendenEmpathieweckendenObjekten,PrivatfotosundGeschich-
ten ‚unserer‘Opfer imGegensatzzuvereinzeltenanonymenBildernundObjekten
derOpfer ‚deranderen‘auf.
184 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918