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„OpferderkommunistischenDiktaturausdenReihenderArbeiterbewegung“
sowie„Opferder sowjetischenBesatzungunddesGulag“. IndenRäumenselbst
lässtsichdasnuranhandderSterbedatenerahnen.Der97SeitenumfassendeKa-
talog(Schmidt2003)zeigtausschließlichFotosvonderAusstellungunddemMu-
seum selbst134 – und unterscheidet sich in dieser Selbstbezogenheit stark von
den anderenMuseumsguides. AmEnde des Katalogs folgen elf Seiten lang die
Porträts der „Opfer zweier totalitärer Systeme“, von „Personen, die ihr Leben
oder ihreFreiheit imKampfgegendieUnterdrückunggeopferthabenoderdie in
denGulagverschlepptwordensind.“ (Schmidt 2003, 84) Sie sindvölligunchro-
nologischundunnachvollziehbar zusammengewürfelt, aber eben individuali-
siert,66PrivatfotosundKurzbiographien,davonsiebenFrauen.
Eine eigene Kategorie sind die ZeitzeugInnenberichte, etwa imGulag-Raum.
Diese zeigenamdeutlichstendenUnterschiedzwischen individualisierendenOp-
ferbiographienundderEinflechtungmenschlichenLeids insNarrativvonkollekti-
ver Opferschaft. Die kurzen Sequenzen bestehen aus etwa vier Sätzen, in denen
weder dieNamender Personennochder Kontext ihrer Erzählung deutlichwird,
nur dass sie gelitten haben. So erzählt eine Frau etwas über blutende Füße, ein
Mann,dass sie einBrot auf fünfPersonenaufteilenund imWinter amDammar-
beitenmussten,eineweitereFraubeginntzuerzählen,dasssievon„denRussen“
gesehenwurde, aber dann kann sie nichtmehrweitererzählen, die Kamera hält
dennoch lange weiter drauf, es kommt nichts mehr außer ihr stummes Leiden.
AuchimVorraumzumMuseumsinddreiweinendeältereMenscheninkurzenSe-
quenzen in einer Endlosschleifemontiert. IhreWorte lauten: „‚Es istmöglich zu
verzeihen, jedoch nichtmöglich, zu vergessen.‘Über die Personen, denOrt des
GeschehensunddenKontextdieserAussageistwederhiernochandenfolgenden
StationenderAusstellungetwaszuerfahren.“ (Ungváry2011a,221)
Der Holocaust wird vor allemdurch Fotos auf einemder Bildschirme und
eine Videoprojektion der eisigen Donau versinnbildlicht, ins die die von den
PfeilkreuzlernerschossenenBudapester Jüdinnenund Juden fielen.Dievorder
deutschen Besatzung Ermordeten werden nicht erwähnt: rund 40.000 Juden,
dieUngarn indenmilitärischenZwangsarbeitsdienst andie ‚Ostfront‘ schickte
sowiediepolnischenund russischen Jüdinnenund Juden,dieUngarn imSom-
mer 1941 Richtung Ost-Galizien deportierte, woraufhin über 15.000 von ihnen
Ende August 1941 in Kamenez-Podolsk vonNS-Tätern ermordet wurden. (Ger-
lachundAly2002,74;Blutinger2010,84) ImGegenteil:Aufderursprünglichen
134 SowieeinPorträtfotovonKardinal JózsefMindszenty,dersowohlvondenPfeilkreuzlerIn-
nenalsauchvondenstaatssozialistischenBehördenverhaftetwurdeunddemimMuseumals
einzigemeineigenerRaumgewidmet ist. (Schmidt2003,53)
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 195
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918